“Covid ist für mich lila und 19 hellgrau”

Kultur / 17.07.2020 • 20:54 Uhr
Organistin und Komponistin Gerda Poppa: „Ich schreibe vor allem Musik, die mir selber gefällt.“ privat
Organistin und Komponistin Gerda Poppa: „Ich schreibe vor allem Musik, die mir selber gefällt.“ privat

Als Synästhetikerin sieht sie bei Buchstaben, Zahlen und Musiknoten bestimmte Farben.

RÖTHIS Sie ist neben der international erfolgreichen Johanna Doderer Vorarlbergs einzige professionell ausgebildete Komponistin. Nicht genug damit: Gerda Poppa ist auch hauptamtliche Organistin in der Basilika Rankweil, betreut noch zwei Nebenstellen und nimmt außerdem Schlagzeugunterricht, was sie beim Komponieren enorm bereichert.

 

Sind Sie durch die Coronakrise als Person und Künstlerin in ein Loch gefallen oder hat der Lockdown bei Ihnen einen Kreativitätsschub ausgelöst?

POPPA Es war eine große Umstellung: keine öffentlichen Gottesdienste, Konzerte, Proben, dafür unter der Woche Aufzeichnungen von Messen in der leeren Kirche und sonntags frei – höchst ungewohnt. Vor dem Fall in das berühmte Loch hat mich das Komponieren bewahrt. Ich habe tage- und wochenlang fast nur komponiert, es war die reine Lust. Was uns aber gefehlt hat, waren Konzerte, Theater usw., wir waren schon richtig ausgehungert – Videoübertragungen machen einfach nicht richtig satt.

 

Sie können als Synästhetikerin in der Musik auch Farben erkennen. Wenn Sie über das Coronavirus ein Werk schreiben würden, welche Farbe hätte dann Covid19 für Sie?

POPPA Covid ist für mich lila und 19 hellgrau.

 

Wann haben Sie diese Eigenschaft an sich zum ersten Mal entdeckt?

POPPA Die war immer da. Ich habe lange gedacht, das hat jeder.

 

Hilft das beim Komponieren oder empfinden Sie es als störend?

POPPA Man sieht gleichzeitig mit den Buchstaben, Zahlen und Tönen die entsprechende Farbe, da muss man gar nichts dazu tun. Im Gegenteil: Es ist eine zusätzliche Facette, mit der man arbeiten kann. Wenn ich in Musik meine Farben einarbeite, ist das ein Teil meiner Persönlichkeit und ich bin überzeugt, dass das für die Zuhörer erlebbar ist, wenn auch unbewusst.

 

Haben Sie diese Verbindung von Farben und Tönen in der Musik auch mit Ihrem Lehrer Herbert Willi diskutiert, bei dem Sie von 2009 bis 2015 als Komponistin ausgebildet wurden?

POPPA Ja, und er war unbedingt dafür, diese Eigenschaft beim Komponieren mit einzubeziehen.

Sie waren in diesem Kompositionsstudium eine Spätberufene – wie kam es dazu?

POPPA Nach meinem Orgelabschluss habe ich zwei Jahre Orgel-
improvisation bei Jürg Brunner in St. Gallen studiert und dabei hat sich für mich unerwartet die Tür zur Komposition geöffnet. Es war ein richtiger Wow-Effekt!

 

Ihre Kompositionen in einer langen Werkliste für verschiedenste Besetzungen entstehen oft durch äußere Einflüsse im täglichen Leben. Wie geschieht dieser Vorgang?

POPPA Es gibt immer wieder Situationen, da höre ich innerlich Musik: bei Texten, Alltagserlebnissen, Bildern, Architektur. Zu dieser Musik suche ich dann meinen Weg, was natürlich nicht immer leicht ist.

 

Als wie modern, zeitgeistig empfinden Sie selber Ihre Musik?

POPPA Schwer zu sagen. Es gibt ja mehrere Formen von Zeitgeist und Modernität – zu einer passt meine Musik sicher. Ich schreibe vor allem Musik, die mir selber gefällt. Wenn ich dann noch Zustimmung oder gar Begeisterung ernte – perfekt!

 

Sie sind auch als Komponistin durch das Coronavirus direkt betroffen – die geplante Uraufführung Ihres Streichquartetts durch das Ensemble plus im Mai musste entfallen.

POPPA Ja, leider. Und es konnte noch kein neuer Termin gefunden werden. Auch meine „Missa brevis I“ musste verschoben werden, da der Basilikachor Rankweil so lange nicht proben konnte.

 

Dagegen wird nächste Woche Ihr Klaviertrio „happy ending“ in Bregenz aufgeführt – ein Mut machender Verweis auf den Verlauf der Coronakrise?

POPPA Es ist ein Werk aus dem Jahre 2010 und ist nach einem tiefen Schockerlebnis entstanden. Aber es passt auch hervorragend in diese fordernde Zeit. Ein weiterer Lichtblick für mich ist die Uraufführung von „Zdritt“ für zwei Trompeten und Orgel im September in der Basilika Rankweil.

 

Fühlen Sie sich heute bestätigt als einzige Komponistin unter lauter männlichen Kollegen in Vorarlberg?

POPPA Meistens.

Zur Person

GERDA POPPA

GEBOREN 1963, lebt in Röthis

AUSBILDUNG Orgelstudium bei Bruno Oberhammer; Orgelimprovisation bei Jürg Brunner, St. Gallen; ab 2009 Hauptstudium bei Herbert Willi am Landeskonservatorium, Abschluss 2015 mit Auszeichnung

TÄTIGKEIT Hauptamtliche Organistin an der Basilika Rankweil; Konzerttätigkeit als Solistin und mit Ensembles in Österreich und der Schweiz; zahlreiche Kompositionen für verschiedene Besetzungen

FAMILIE verheiratet, zwei Kinder

24. Juli, 19.30 Uhr, Vorarlberg Museum Bregenz, Wiener Concert-Verein (Klaviertrio „happy ending“), 20. September, 20 Uhr, Basilika Rankweil: Uraufführung „Zdritt“.