Warum Marlen Haushofers Roman “Die Wand” ideal nach Hittisau passt

Ensemble Café Fuerte schafft eine Robinsonade der besonders qualitätsvollen Art.
Hittisau Ein etwas mehr als fünfzehnminütiger Spaziergang ist erforderlich, um an den Premierenort der neuen Produktion des Theaterensembles Café Fuerte zu gelangen. Dort, beim Ferienhaus Rainerau in Hittisau, stört kein Auto mehr den Blick auf die Landschaft, deren sattes Grün sich im Dämmerlicht nach und nach wie eigens intendiert verändert. Auch wenn die aus Schweizer und Vorarlberger Künstlern bestehende Gruppe noch weitere Spielstätten auserkoren hat, damit die Produktion möglichst viele Menschen erreicht, steht fest, dass eine Bühne unter freiem Himmel ein idealer Schauplatz für die Umsetzung des Romans „Die Wand“ von Marlen Haushofer (1920-1970) ist.

1963 erschienen, hat sich die Aufmerksamkeit für das Werk in den letzten Jahren enorm erhöht. Die Verfilmung durch Julian Pölsler mit Martina Gedeck lief bei der Berlinale, eine der Adaptierungen für die Bühne wurde vom Wiener Burgtheater realisiert, vor knapp zwei Jahren präsentierte das Linzer Landestheater eine Kammeroper, nach der Erzählung einer Frau, die nach einem Ausflug zu einer Jagdhütte nicht mehr ins Tal kommt. Eine unsichtbare Wand schneidet ihr den Weg ab und bleibt ein unüberwindbares Hindernis, dahinter wirkt die Welt wie ausgestorben.
Konzentration auf den Text
Café Fuerte, geleitet von der Regisseurin Danielle Fend-Strahm und dem Schauspieler Tobias Fend, hat nicht einfach nach einer bestehenden Fassung gegriffen, das zur Verfügung stehende Material wurde im Hinblick auf die Verstärkung der reflexiven Elemente bearbeitet. Während die Schauspielerin Kristine Walther nahezu nur spricht und dabei wie auf wundersame Weise zu einem Tempo und zu einem Ausdruck findet, die die Realität minimal überhöhen, verdeutlicht die Tänzerin Eve Ganneau sehr reduziert emotionale Vorgänge sowie die Eingeschlossenheit. Das Ganze spielt sich auf einer Bühne von einem Quadratmeter ab, neben der Tobias Fend als Requisitenbringer agiert und Florian Wagner auf der Glasharfe spielt. Das alles wird zu einem kompakten, durchchoreografierten, in jeder Minute vibrierenden Schauspiel, das sofort einnimmt und nicht mehr loslässt. Der nahe Wald, die Fensterfront des alten Bauernhauses oder der Holzstoß direkt hinter der Bühne bieten eine Kulisse, die nicht idealer sein könnte. Und doch liegt die Konzentration immer auf dem Text.

Der als feministische Robinsonade rezipierte Roman erzählt von einer Frau in einer existenziellen Extremsituation. Mit einem Jagdhund, einer Kuh und später einem Kalb muss sie sich die Zeit auf der Alm einrichten. Wie lange sie andauert, bleibt offen, sie pflanzt Bohnen und Kartoffeln, sie tötet und errechnet ihre Überlebenschancen an der Zahl der vorhandenen Zündhölzer. Wie es ausgeht, bleibt ebenso offen wie die Frage, wie viel Kritik am Patriarchat in dem Werk steckt. Die Inszenierung von Café Fuerte gewichtet nicht übermäßig, sie beschäftigt das Publikum und sie erinnert an eine Autorin, deren 50. Todestag und 100. Geburtstag in Österreich heuer beinahe übersehen wurden. Das ist sicher nicht nur Corona geschuldet. Worauf Danielle Fend-Strahm und Tobias Fend zudem aufmerksam machen, ist die Tatsache, dass die Einreihung von Marlen Haushofer unter die Öko-Feministinnen viel zu kurz greift. Die Qualität des Textes kommt hier auch in der Adaptierung für die Bühne zum Ausdruck. Das ist richtig und wichtig.
Weitere Aufführungen am 8., 9. und 10. Juli in Hittisau (Rainerau) Spätere Termine im September in Lustenau, Lindau, Urnäsch und wiederum Hittisau: cafefuerte.ch