Der Tag, an dem die Erde stillstand

Matthias Guido Braudisch bringt die Tiefenschärfe nach Bregenz.
Bregenz Wenn Matthias Guido Braudisch (34) ein Kalendermonat wäre, dann wohl der April. In dem Metier, in dem er sich bewegt, ist es ja auch eine gewisse Grundvoraussetzung, das zu machen, was man will. Doch bei weitem nicht jeder macht das mit einer solchen Detailverliebtheit und Konsequenz wie der in Wien lebende Künstler.

„Fotografieren ist einfach. Doch die Fotografie ist eine sehr schwierige Kunst.“ Dieses Zitat stammt von Pontus Hulten (1926–2006), einem schwedischen Kunsthistoriker. Wenn man Braudischs Arbeitsmethoden betrachtet, kann man das nur unterschreiben. Für ihn ist das Betätigen des Auslösers nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zum Ergebnis. „Man sollte immer wissen, wie das Medium funktioniert, wo der Ursprung liegt. Im digitalen Zeitalter denkt man ja kaum mehr darüber nach, wie ein Bild eigentlich entsteht. Wenn man aber über die Prozesse Bescheid weiß, geht man viel bewusster an die Sache heran“, erklärt Braudisch, von dem derzeit im Bregenzer Kollektiv die Werkausstellung „Lucid Shadow“ zu sehen ist.

An den Wänden hängen Bilder aus mehreren Schaffensphasen. Aktuelle Werke basieren auf frühen analogen Techniken wie Salz- und Öldruck. „Das wird derzeit nicht mal an der Uni unterrichtet, so habe ich mir das Wissen darüber erlesen und einfach viel in meinem Atelier experimentiert“, erklärt der Künstler. Die Bilder sind, was die Oberflächenbeschaffenheit anbelangt, in natura überaus beindruckend.

Nicht fehlen dürfen jedoch die bemerkenswerten Aufnahmen aus einer mit chemisch präperiertem Fotopapier ausgestatteten, sperrigen Lochkamera, die der Künstler am Rücken in die alpine Bergwelt geschleppt hat, um den Feinheiten der Landschaft durch Tiefenschärfe etliche Details zu entlocken. „Man wandert stundenlang und hat dabei genau eine Chance, das Bild zu machen. Das ist wie die Suche nach Stillstand, nach dem perfekten Moment.“ Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet wohl zum Berg kommen.

Zudem bereichern zwei Installationen die Ausstellung. So hat Braudisch im Sinne des Bildungsauftrags eine begehbare Camera obscura in den Raum gezimmert. „In dieser Installation steht das Bild, das von außen hereinprojeziert wird, kopf. Dem Besucher wird so schnell begreiflich, wie die Technik dahinter funktioniert.“ Eine vom pädagogischen Standpunkt aus ähnliche Herangehensweise verfolgt die Man Machine – ein lebender, analoger Fotoautomat, der vor Ort klassische Fotostreifen entwickelt.
Ein glückliches Ende
Braudisch ist froh, die Ausstellung überhaupt zu Ende bringen zu können. „Die lieben Leute vom Kollektiv sind mir da sehr entgegengekommen, da die Konsequenzen der Coronakrise für die Kultur nur eine Woche nach der Vernissage eingetreten sind.“

Zur Finissage am Freitag, dem 3. Juli, ist die Man Machine jedenfalls wieder in Aktion zu bestaunen. An diesem Abend wird, quasi als Sahnehäubchen, der Bregenzer Avantgardemusiker Thomas Reif in die Untiefen der Musique concrète eintauchen und einen raumausfüllenden experimentellen Klangteppich knüpfen.
Zur Person
Matthias Guido Braudisch, 1985 in Bregenz geboren, diplomierte 2010 am fotoK, Schule für künstlerische Fotografie in Wien. 2019 schloss er sein Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Daniel Richter ab. Er lebt und arbeitet in Wien.
Die Ausstellung „Lucid Shadow“ ist noch bis zum 3. Juli im Kollektiv, Maurachgasse 1, Bregenz, zu sehen. https://kollektiv-raum.org/