Den Weg für Malerinnen geebnet

Kultur / 15.06.2020 • 18:59 Uhr
Elisabeth im Garten von Otto Modersohn, 1903.
Elisabeth im Garten von Otto Modersohn, 1903.

Lindauer Kunstmuseum widmet sich mit Paula Modersohn-Becker einem Befreiungsakt.

Lindau In seine Selbstporträt-Ausstellung für die Neue Galerie in New York, ein bedeutendes Museum der Metropole, hat Tobias Natter neben Schiele, Beckmann, Dix, aber auch Rudolf Wacker einer Malerin viel Platz eingeräumt: Paula Modersohn-Becker sollte, so der aus Vorarlberg stammende Kunstexperte, der Qualität ihrer Arbeiten entsprechend, Beachtung finden. Auch auf das Bild, auf dem sie sich halbnackt zeigt, wurde verwiesen. In der damaligen Zeit war das nicht nur ein Akt der Emanzipation, sondern auch eine Pioniertat, auf die sich ganze Generationen von Malerinnen – darunter auch die Bregenzerin Alexandra Wacker (geb. 1958) – konkret bezogen haben. Überhaupt malte Paula Modersohn-Becker (1876-1907) anders als die anderen, nicht nach der Natur, sondern so, wie sie die Dinge wahrnahm und wie sie sie zeigen wollte. Die Person selbst rückte ebenso in den Mittelpunkt wie eine erweiterte Formensprache.

Er akademisch, sie intuitiv

Maler, die am Beginn der Moderne stehen oder sie begründeten, rückt die Stadt Lindau seit Jahren ins Blickfeld. Nach Meistern wie Picasso, Chagall, Miró oder Klee gilt die Sommerausstellung nun endlich einer Frau. Allerdings mit einer Einschränkung, wo „Paula und Otto“ draufsteht, geht es nicht nur um die Malerin, sondern auch um ihren ebenso künstlerisch tätigen Mann Otto Modersohn (1865-1943). Um die Gegensätzlichkeit darzustellen – er malte akademisch, sie intuitiv und nach Neuem suchend -, geht das durch. Das Ganze als große Liebesgeschichte zu inszenieren, grenzt allerdings an Verkitschung. Otto hatte die besondere Begabung wie die Berufung seiner Frau erkannt und gegebenenfalls auch unterstützt, gegenseitige Zuneigung hat es in der Künstlerehe sicher gegeben, Paula, der etwa Rainer Maria Rilke Gedichte widmete, zog es aber nicht nur immer wieder weg und nach Paris, sie fühlte sich zuweilen unverstanden und eingeengt und begehrte auch die Scheidung. Am Ende ihres kurzen Lebens kehrte sie wieder zurück ins deutsche Worpswede, brachte ein durchaus ersehntes Kind zur Welt, starb aber im Wochenbett. Einer ihrer Kunstlehrer, von dem sie sich einst abwandte, hatte sie mit althergebrachten Theorien genervt, ihr Arzt setzte nach einer schweren Geburt auf überholte Behandlungsmethoden, was zu einer Embolie führte. Zu Lebzeiten oft mit äußerst zynischen Bemerkungen versehen, wurde der Wert ihrer Arbeiten im Großen und Ganzen erst posthum erkannt. Mittlerweile ist ein Museum nach ihr benannt. Paula Modersohn-Becker ist längst ein Begriff geworden. In den letzten Jahren sind einige Dokumentarfilme entstanden, über die „Malweiber“, wie man die Frauen nannte, die in Männerdomänen vordrangen und letztlich auch den Weg für Frauen an die Kunstuniversitäten ebneten, der Paula Modersohn-Becker noch verwehrt blieb, sind Bücher hausgebracht worden.

Hommage an die Malerin

Warum aber „Paula und Otto“? Die Lindauer Ausstellung, die im zum Kunstmuseum umgebauten alten Postgebäude in der Nähe des Bahnhofs stattfindet, gibt eine gute Antwort. Ähnliche Motive des Paares, etwa die Darstellung von Kindern, bei denen ihr immer die Figuren selbst wichtig waren und er die die Menschen umgebende Landschaft als gleichwertig ansah, werden in der Ausstellung gegenübergestellt. Der Stil von Otto Modersohn trägt bereits moderne Züge, aber Paula Modersohn-Becker greift weit nach vorne. Da konnte Otto noch so witzeln, dass Paula viel zu grobe Nasen male oder Münder wie Wunden. Es ist eine wie immer nicht sehr umfangreiche, aber gut zusammengestellte Schau, die mit zahlreichen Dokumenten plus alten Filmausschnitten die Zeit einfängt, in der eine Frau sich einfach nicht mehr oder nicht immer in Schranken weisen ließ. Und nicht nur das, die Ausstellung erweist sich auch als Hommage an die Malerei selbst.

Nachdem die geöffneten Grenzen weiter offen sind, haben die Österreicher endlich die Möglichkeit, darin einzutauchen. Am besten funktioniert das mit Voranmeldung, denn die Covid19-Pandemie hat uns noch im Griff, die Veranstalter dürfen jeweils nur eine sehr beschränkte Zahl von Besuchern in die Räume lassen.

Mädchenbildnis mit gespreizter Hand von Paula Modersohn-Becker, 1905. Kunstmuseum Lindau
Mädchenbildnis mit gespreizter Hand von Paula Modersohn-Becker, 1905. Kunstmuseum Lindau

Geöffnet bis 27. September, täglich 10 bis 18 Uhr im Kunstmuseum beim Inselbahnhof Lindau. Reservierung: museum@lindau.de