Theater am Saumarkt öffnet wieder: Eine Zäsur wird in die Geschichtsbücher eingetragen

Kultur / 07.06.2020 • 20:00 Uhr
Theater am Saumarkt öffnet wieder: Eine Zäsur wird in die Geschichtsbücher eingetragen
Christian Mähr liest aus seinem neuen Roman “Carbon”. VN/RP

Theater am Saumarkt ist bereits aktiv und startet eine Literatur- und Gesprächsreihe.

Feldkirch Abrupt habe sich nun der Wechsel vom totalen Stillstand ohne Perspektive bzw. mit einer Aussicht auf einen Veranstaltungslockdown bis in den Herbst hin zur Öffnung durch die politisch Verantwortlichen vollzogen, meint Sabine Benzer, Geschäftsführerin des Theaters am Saumarkt in Feldkirch. “Kulturschaffende haben durch die Covid19-Pandemie eine dramatische existenzielle Situation erlebt, die noch nicht überwunden ist.” Die Erfahrungen müssten nun breit reflektiert und diskutiert werden. Die Literatur könne dazu einen wertvollen Beitrag liefern. Die Kuratorin des Saumarkt-Literaturprogramms, Marie-Rose Rodewald Cerha, meint dazu: „Wir sind erleichtert, wieder Autorinnen und Autoren einladen zu können, obwohl allen noch der Schock in den Knochen sitzt. Und genau dies wollen wir auch thematisieren.“

Der Start einer neuen Literaturreihe erfolgt deshalb bereits am kommenden Mittwoch. Christian Mähr, Christine Hartmann, Eva Maria Dörn, Hans Platzgumer, Willibald Feinig und Marie-Rose Rodewald-Cerha präsentieren neue Werke und diskutieren über Literatur und die Situation von Autorinnen und Autoren.

“Kulturschaffende haben eine existenzielle Situation erlebt, die noch nicht überwunden ist.“

Sabine Benzer, Geschäftsführerin Theater am Saumarkt

Christian Mährs neuer Roman „Carbon“ hätte bereits präsentiert werden sollen. Der Vorarlberger Autor schreibt über Schachtelhalme und Riesenfarne. Offenbar ist das Carbonzeitalter, das bereits vor 300 Millionen Jahren endete, zurückgekehrt. Sein Protagonist, Privatdetektiv Klein, muss sich fragen, woher die Gewächse und mit ihnen all die Rieseninsekten kommen. Und was zu tun ist: Einfach abschneiden geht nicht, denn die Pflanzen wehren sich mit Pheromonen, die auf die Psyche der Menschen einwirken. Verschwinden deshalb gesellschaftliche Normen? Die Schriftstellerin Christine Hartmann diskutiert mit dem Verfasser über sein Buch und das Thema der Auswirkungen drastischer Veränderungen von Rahmenbedingungen für eine Gesellschaft.

Verbundenheit trotz Isolation

Das Theater am Saumarkt sowie die Vereinigung Literatur Vorarlberg haben sich auf digitale Literaturvermittlung verlegt und verschiedene Projekte umgesetzt. Im Café Glashaus im Reichenfeld werden die Projekte und Ergebnisse vorgetragen. So hat etwa Eva Maria Dörn ein besonderes Schreibprojekt initiiert: „Von Nähe trotz Distanz ist die Rede, von Verbundenheit trotz Isolation, vom Miteinander im Getrenntsein, von Selbstverantwortung, vermehrter Sorge um sich selbst und die Mitmenschen, ganz besonders von Schutz für unsere ältere Generation. Es wird über innere Reife, Mündigkeit, Wertschätzung und Achtsamkeit nachgedacht.“ Autoren und Autorinnen waren aufgerufen, kurze literarische Statements abzugeben. Die Texte geben einen intimen Einblick in bislang vollkommen neue Beobachtungen von Isolation und Selbsterfahrung.

Weil das gesellschaftliche Leben lahmgelegt und die unmittelbare Begegnung mit Kunst und Kultur verunmöglicht wurde, sollten Autoren und Autorinnen Gasthäusern, Lokalen, Restaurants oder Bars als Orten des Dialogs, der sozialen Begegnung und des Genusses literarische Loblieder singen. Die eingelangten Texte können nun präsentiert werden.

Der Schriftsteller und Musiker Hans Platzgumer hat Texte in einem Coronablog veröffentlicht und Willibald Feinig reagiert ebenfalls auf diese Zeit. Beide Autoren haben damit spannende literarische Kommentare zur Covid19-Pandemie verfasst. “Die Grenzen sind geschlossen. Zwar dürfen Waren noch passieren, Menschen aber sollen weder raus noch rein. Innerhalb der Sperrzone herrscht Ausgangsverbot. Die Österreicher sind aufgefordert, ihre Wohnungen nur für dringendste Erledigungen zu verlassen. Im Rest der Welt sieht es bereits schlimmer oder noch nicht ganz so schlimm aus. Hätte ein Science-Fiction-Autor dieses Szenario beschrieben und mit heutigem Datum versetzt, er wäre belächelt worden. Doch all dies ist keine Fiktion, es ist Realität. Eine Zäsur wird in unsere Geschichtsbücher eingetragen.“ So lautet einer der ersten Einträge von Hans Platzgumer. VN-cd

10. Juni, 20.15 Uhr, im Theater am Saumarkt, Christian Mähr; 18. Juni, 18 Uhr, Café Glashaus im Reichenfeld; 26. Juni, 20.15 Uhr, Theater am Saumarkt, Hans Platzgumer, Willibald Feinig.