Mit Einkaufswagerl zum Gottesdienst: Domorganist Johannes Hämmerle im Interview

Kultur / 18.05.2020 • 11:00 Uhr
Mit  Einkaufswagerl zum Gottesdienst: Domorganist Johannes Hämmerle im Interview
Johannes Hämmerle: „Liturgisches Orgelspiel ist keine Hintergrundmusik.“  JU

Nach der Coronapause gibt es bei den Gottesdiensten auch für Organisten erhebliche Probleme.

FELDKIRCH Seit 2007 Domorganist von St. Nikolaus, ist Johannes Hämmerle einer jener Organisten in den 126 Pfarrgemeinden des Landes, die an diesem Wochenende wieder ihren liturgischen Dienst an der Orgel antreten, wenn auch unter deutlich geänderten Vorgaben. Diese stellen in der Praxis auch den routinierten Kirchenmusiker vor schwer lösbare Aufgaben.

Was macht ein Domorganist, wenn er durch Corona zwei Monate lang keine Messen, keine Konzerte spielen kann?

Ganz arbeitslos war ich als Domorganist in dieser Zeit nicht, immerhin wurden von Palmsonntag bis Ostern im Dom Gottesdienste gefeiert, ohne Gemeinde, aber mit Übertragung per Rundfunk und Live-Stream. Als Lehrer am Konservatorium habe ich die Zeit mit Fernunterricht überbrückt, was teils gut, teils schlecht funktioniert hat, Gremienarbeit ließ sich problemlos in Videokonferenzen bewerkstelligen. Und dann hat ja pünktlich mit dem Lockdown das fantastische Frühlingswetter eingesetzt und mir als passioniertem Rennradfahrer überhaupt das Leben gerettet.

Wie groß war Ihre Freude über die Wiederauferstehung des Gottesdienstbetriebs?

Ehrlich gesagt, hat sich meine Vorfreude in Grenzen gehalten. Natürlich war ich froh, dass wir endlich wieder öffentliche Gottesdienste feiern können, aber die nun geltenden Auflagen werden zu mehr Frust als Freude führen. Ich halte diese Verordnungen letztlich für wenig ausgewogen: Hygiene, Schutzmasken und ein Meter Abstand müssten doch absolut ausreichen, und unter solchen Prämissen könnten wir auch ganz gut Gottesdienste feiern. Die Haltung der Bischofskonferenz und anderer kirchlicher Entscheidungsträger ist in Sachen Corona von Angst und Unsicherheit einerseits und großem Verantwortungsgefühl andererseits geprägt, was ich absolut respektiere. Trotzdem hoffe ich sehr, dass die Kirchen in Österreich bald den Mut zu einer stärkeren Öffnung finden.

Das würde ja auch heißen, dass im Dom anstelle von Hunderten Gläubigen gerade noch ein Bruchteil Platz findet. Ist das nicht realitätsfremd, auch in Zeiten sinkender Frequenz von Kirchenbesuchern?

Ja, das ist realitätsfremd. Müssen sich die Leute ein Einkaufswagerl nehmen wie im Baumarkt, um die Besucherzahl zu kontrollieren?

Die Maskenpflicht ist einsichtig. Wie sollen die Leute auf diese Weise aber miteinander beten?

Mir macht die Beschränkung der Besucherzahlen durch die Zehn-Quadratmeter-Regelung viel mehr Sorgen. Wenn wir da nicht aufpassen, verlieren wir aktive Gemeindemitglieder langfristig. In den letzten zwei Monaten haben sich viele Leute neue Verhaltensweisen angewöhnt, sie beginnen sich mit dem Verlust mancher gewohnter Strukturen im Leben abzufinden. Es wird höchste Zeit, dass wir diese Menschen zurückgewinnen, dass wir wieder mit Einladungen und Angeboten auf sie zugehen können. Stattdessen müssen wir sie durch die neuen Regeln womöglich scharenweise nach Hause schicken. Das ist doch katastrophal!

Welche Bedeutung messen Sie dem liturgischen Orgelspiel bei? Ist das bloß ein schöner Background, damit für manche Leute die Zeit schneller vergeht?

Liturgisches Orgelspiel, wie ich es verstehe, ist natürlich keine dekorative Hintergrundmusik, sondern Teil der Verkündigung und zugleich musikalische Interaktion mit der Gemeinde. Auf diese Art kann es eine enorme Dynamik und Aussagekraft entwickeln und wird zum integralen Bestandteil der Liturgie. Ich will, dass sich Menschen nach dem Besuch eines Gottesdienstes persönlich beschenkt fühlen, dass sie spüren: Da hat jemand etwas mit Liebe und Sorgfalt für mich gemacht.

Festgottesdienste gemeinsam mit dem Domchor wird es aber zunächst noch nicht geben?

Aktuell dürfen wir Chorproben gerade mit den erlaubten zehn Beteiligten durchführen, und Domkapellmeister Benjamin Lack vollbringt Übermenschliches, um alle Chormitglieder grüppchenweise zu betreuen. Spätestens für Herbst brauchen wir echte Perspektiven, sonst versauern uns die Sängerinnen und Sänger. Wir haben jedenfalls beschlossen, unser großes Konzert der Dommusik am 22. November mit Beethovens C-Dur-Messe in der Planung zu belassen, aller Unsicherheit und allem Totalversagen der österreichischen Kulturpolitik zum Trotz.

Johannes Hämmerle

Domorganist

Geboren: 23. April 1975 in Dornbirn

Ausbildung: Musikuniversität Wien Orgel (Michael Radulescu), Cembalo (Gordon Murray) und Kirchenmusik

Tätigkeit: seit 2001 Dozent für Cembalo, Kammermusik und Solokorrepetition am Landeskonservatorium, Mitglied des Barockorchesters Concerto Stella Matutina Götzis, seit 2007 Domorganist in Feldkirch mit Messgestaltung und Konzerten

Veröffentlichungen: Einspielung sämtlicher Orgelwerke von Hugo Distler bei „Ambiente-Audio“, zahlreiche weitere CD-Aufnahmen u. a. bei PanClassics, cpo, fra bernardo

Fritz Jurmann