Theater Kosmos: Sorge um die Lebensstabilität

Im Theater Kosmos spricht man über weit mehr als über die finanziellen Verluste.
Bregenz Als Augustin Jagg und Hubert Dragaschnig, die Leiter des Theaters Kosmos, das Motto der aktuellen Spielzeit mit „Was ist ein gutes Leben?“ verkündeten, konnten sie noch davon ausgehen, dass uns ihr literarisches Angebot dabei unterstützt, über Entscheidungsmechanismen und wirtschaftliche Bedingungen nachzudenken. Nun steht eine Pandemie im Fokus und das Theater ist erst einmal geschlossen. Inmitten der Aufführungsserie von „Warten auf Tränengas“ von Bernhard Studlar und Andreas Sauter, einem neuen Stück, das die schleichende Abkehr von der Demokratie thematisiert, kam das Aus für alle Veranstaltungen. Bis Ende Juni läuft absolut nichts.
Im April sollte die Premiere von „Wunschloses Unglück“ von Peter Handke stattfinden. Der Literaturnobelpreisträger erzählt von seiner Mutter, die aus der dörflichen Enge auszubrechen versuchte und damit von einem Schicksal, das auch exemplarisch für eine ganze Generation stehen kann. Mit den Proben hatte man schon begonnen, erzählt Hubert Dragaschnig: „Wir werden die Produktion auf den Herbst verschieben.“ Bei „Live and let die“ handelt es sich um ein Auftragswerk an Simon Dworaczek, mit dem man das Theaterjahr nun beschließen wird. „Limbus“ von Florentina Hofbauer, ein Stück, das die Juroren des letzten Dramenwettbewerbs zum Sieger erkoren hatten, wird in die nächste Spielzeit verschoben.
Einnahmenverluste
Die Einnahmenverluste, die das Theater Kosmos zu verkraften hat, betragen etwa 60.000 Euro, für die Mitarbeiter wurde Kurzarbeit beantragt. Da der Raum im shed-8-Areal in Bregenz-Vorkloster auch an andere Theatergruppen oder für Lesungen vermietet wird, fehlen nun auch diese Einnahmen. Wie es konkret weitergeht, kann noch niemand sagen. Das Theater Kosmos hat sich mit den österreichischen Mittelbühnen vernetzt. Im Rahmen dieser Theaterallianz ist ein Stückeaustausch vorgesehen, der für das Publikum einen beträchtlichen Mehrwert darstellt. Das im letzten Jahr in Bregenz uraufgeführte Drama „Lamm Gottes“ von Michael Köhlmeier hätte im Schauspielhaus Salzburg gezeigt werden sollen, das Theater Kosmos wollte aus Wien „Kudlich in Amerika“ von Thomas Köck übernehmen.
Verdränungsprozess
„Theater ist ein Ort, an dem eine Gruppe von Menschen gemeinsam eine Wirklichkeit konstruiert“, erläutert Dragaschnig seine Sichtweise zu Streaming-Angeboten: „Diese Möglichkeit eröffnet das Internet nicht.“ Der Theatermacher will keinesfalls Kollegen kritisieren, die nun auf diese Weise Zugang zu den Theaterprojekten öffnen, für das Theater Kosmos sei das aber kein Weg. Eine Lesung wäre sicher möglich, alles andere wäre aber wohl ein bisschen wie Fastfood. Auch wenn nach dem Shutdown nun der Handel wieder langsam hochgefahren wird, werde die Isolierung der Menschen und die eingeschränkte Kommunikation negative Folgen haben, befürchtet Dragaschnig. „Einerseits werden wir wohl einen Verdrängungsprozess bemerken, andererseits glaube ich, dass gerade die Einsamkeit, die viele Menschen nun zu spüren bekommen, Einbrüche in der Lebensstabilität mit sich bringt.“ Die willkommene Entschleunigung, von der nun oft gesprochen werde, habe eine Kehrseite, für Menschen, die nun oder als Folge des Shutdowns ihren Job verlieren und somit um ihre Existenz bangen oder wenn es sehr viele sind, die sich nun neu orientieren müssen, sei sie schlicht und einfach bedrohlich: „Das sollten wir dabei nicht übersehen.“