Was hatten wir doch Glück
Wer meine Kommentare an dieser Stelle halbwegs regelmäßig liest, der weiß, dass ich nicht gerade ein glühender Anhänger von Bundeskanzler Sebastian Kurz bin. Und nie wäre ich selbst auf die Idee gekommen, dass ich Kurz, den ich eher für einen glatten Neoliberalisten hielt, auch einmal loben könnte. Doch nun ist es so weit. Aufgrund der Auftritte in den letzten zwei Wochen muss ich dem Bundeskanzler zugestehen, dass er in einer Zeit, in der die Ausnahme die Regel bestimmt, eine erstaunliche Politik mit Augenmaß, mit Ruhe und Besonnenheit macht. Er nutzt wohl die Chance, sich als Gesamtverantwortlichen zu präsentieren, er zeigt, wo die Fäden zusammenlaufen, aber versäumt trotzdem nicht, immer auch die anderen Regierungsmitglieder oder auch andere Verantwortliche im Staat bis hin zu den Bürgern zu bedenken. Ich ziehe den Hut vor dieser Politik in schwierigster Zeit.
Solches Lob gebührt allerdings auch Vizekanzler Werner Kogler, der sich in ganz kurzer Zeit vom Grünen Fundi zum staatstragenden Politiker gewandelt hat. Es ist durchaus anregend, ihm in seinen buchstäblich etwas hemdsärmeligen Argumenten zu folgen und es tut wohl, in solch verantwortungsvoller Aufgabe und belastender Zeit einen Mann wie ihn zu sehen. Ganz besonders überzeugend aber ist Gesundheitsminister Rudolf Anschober von den Grünen, der so ziemlich die schwerste Last in diesen Reihen trägt. Mit welcher Ausgeglichenheit und Kompetenz er seine Anliegen zu den Menschen bringt, das hat Seltenheitswert. Und deshalb ist er wohl auch so überzeugend, deshalb haben seine Argumente Kraft, deshalb glauben ihm die Menschen und folgen weitgehend seinen Aufrufen. Und letztlich, ich staune über mich selbst, habe ich sogar meine Meinung über Innenminister Karl Nehammer von der Volkspartei korrigieren müssen. Der, der mir immer als unangenehm harter Vertreter der Staatsmacht erschienen ist, scheint mir unter dem Eindruck der Krise gewachsen zu einem Mann, der weiß, dass es neben dem Gesetz auch Grauzonen gibt, in denen man Menschen helfen muss.
Mit Schaudern denke ich daran, wie das heute auch aussehen könnte, wenn HC Strache die türkis-blaue Regierung nicht gesprengt hätte.
Mit Schaudern denke ich daran, wie das heute auch aussehen könnte, wenn HC Strache die türkis-blaue Regierung nicht gesprengt hätte. Wenn ich mir vorstelle, dass Herbert Kickl noch immer Innenminister wäre, dass Beate Hartinger Klein – beide Freiheitliche – noch immer Gesundheitsministerin wäre, dann überkommt mich Beklemmung. Das wäre Strafverschärfung sogar in Corona-Zeiten. Was hatten wir doch Glück! Man möge HC einen Orden verleihen – und ihn dann hinauswerfen.
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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