Für Kulturschaffende weitet sich das Dilemma aus

Interessensvertreter der Kulturschaffenden sehen Katastrophe, vor der sie gewarnt hatten.
Feldkirch, Wien Noch lange bevor als Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus sämtliche Theater und Veranstaltungshäuser geschlossen wurden, hat die IG Kultur Vorarlberg darauf gedrängt, Richtlinien für die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter oder geringfügig Angestellten in den Kultur- und Kulturvermittlungseinrichtungen sowie Vereinen zu schaffen. Dabei geht es unter anderem auch um Haftungsfragen. Gerade diese zahlreichen Engagierten sind nun von den Veranstaltungsabsagen besonders betroffen, erläutert Mirjam Steinbock, Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg, im Gespräch mit den VN. Einerseits, weil ihre Einkünfte komplett wegbrechen, andererseits, weil sie in Gefahr geraten, für Einnahmenverluste ihrer Vertragspartner haften zu müssen. Gerade viele kleinere Einrichtungen, die es den Menschen in den Vorarlberger Talschaften oder Kinder- und Jugendlichen ermöglichen, an Kulturangeboten teilzuhaben, seien ehrenamtlich strukturiert.
Erhebungen der Verluste im Gange
Während von der Regierung für die Kulturinstitutionen Notfallpakete geschnürt werden, fallen nun viele freie Dienstnehmer, etwa Musiker, Schauspieler, Bühnentechniker etc., die bislang auf Aufträge und die Honorierung ihrer Arbeit vertrauen konnten, durch den Rost, erklärt die Interessensvertreterin. Steinbock: “Es ist noch nicht klar, wie deren Ausfälle abgegolten werden. Es gibt viele Musikschaffende, die beispielsweise Engagements in der Schweiz hatten und damit ihre Existenz sichern konnten, nun aber ohne Einnahmen da stehen. Dazu kommt, dass vor allem junge Musiker, die erst frisch aus der Ausbildung kommen, oft gar keine Verträge abgeschlossen hatten, das Selbstmanagement erst noch erlernen und noch nicht fordernd gegenüber Veranstaltern aufgetreten sind. In solchen Fällen versuchen wir über den Kulanzweg noch etwas zu erreichen.” Sobald ein Ehrenamt in Wirklichkeit ein unbezahltes Hauptamt sei, stimme etwas nicht. Die Lage zu überprüfen, mit dieser Forderung ist die IG Kultur Vorarlberg schon vor Monaten an die Kulturabteilung des Landes herangetreten. Dieses Dilemma habe es schon gegeben, nun weite es sich aus. Mittels Umfragen und Erhebungen, die nun intensiviert wurden, will die IG Kultur ein Bild von der Situation skizzieren und dieses in Verhandlungen mit den zuständigen Kulturpolitikern darlegen. Noch sei die Verlustsumme schwer zu beziffern, aber in gut einer Woche wisse man mehr. Derlei Erhebungen sind nämlich auch bei der IG Kultur Österreich und somit bundesweit im Gange.
„Freie Dienstnehmer, die den Kulturbetrieb ermöglichten, fallen nun durch den Rost.“
Mirjam Steinbock, IG Kultur Vorarlberg
Laut Yvonne Gimpel, Geschäftsführerin der IG Kultur Österreich, gibt es noch keine österreichweiten Daten über die Leistungen, die die freie Kulturszene und zahlreiche Kulturinitiativen erbringen. Die laufende Datenerhebung soll auch zur Einschätzung beitragen, inwieweit die bisher erarbeiteten Maßnahmen der Bundesregierung überhaupt greifen und tatsächlich einen Rettungsschirm für die freie Kulturszene und ihre Einrichtungen darstellen.
Im zweistelligen Millionenbereich
Die IG Autorinnen Autoren ist mit der Erhebung zu den Einnahmenverlusten wegen abgesagter Literaturveranstaltungen bereits einen Schritt weiter. Beteiligt haben sich, so IG-Obmann Gerhard Ruiss, 150 Autorinnen und Autoren. Der Honorarentfall aus Lesungen, Workshops, Reden, Moderationen und ihren anderen Auftritten betrage in den Monaten März und April rund 450.000 Euro. Umgelegt auf alle Autoren in Österreich sind Auftrittshonorare im zweistelligen Millionenbereich verloren gegangen, heißt es in einer Aussendung: “Hinzu kommen die Tantiemenausfälle für nicht gespielte Theateraufführungen sowie für nicht verkaufte Bücher.” Der Schaden für Autoren liege schon um ein Mehrfaches über den in den Unterstützungsfonds für Kunst- und Kulturschaffende reservierten Mitteln. Zur Erhaltung des funktionierenden Literaturbetriebs bzw. des Buchmarktes und des Verlagswesens hat man einen Maßnahmenmix erstellt, der unter anderem auch eine Urheberrechtsreform vorsieht.