Theaterpädagoge sieht die Abgeschiedenheit auch als Chance

Pädagoge Markus Riedmann geht davon aus, dass das Schultheater von der Digitalisierung profitieren kann.
Feldkirch “Die Sozialkontakte werden zwar reduziert, aber sie können in dieser Reduziertheit auch eine neue Qualität entwickeln, nach dem Motto: Qualität vor Quantität”, bemerkt der auch für das Vorarlberger Kulturservice tätige Pädagoge und Schultheatercoach Markus Riedmann (58) zur aktuellen Ausnahmesituation, in der er auch eine Chance sieht. Kreativität und Stress seien ohnehin sehr schwer miteinander zu vereinbaren. Sollten während der Zeit der Muße oder in der Abgeschiedenheit die Ideen sprießen, könne man sie nachher, wenn wir wieder unsere gewohnten Sozialkontakte haben, mit Gleichgesinnten zum Blühen bringen.
„Der Laptop kann nicht jeden Wunsch erfüllen. Die Sehnsucht nach dem Physischen bleibt.“
Markus Riedmann, Theaterpädagoge
“Lesen ist Abenteuer im Kopf, also werde ich die nächste Zeit sehr abenteuerlich unterwegs sein”, sagt der kulturbegeisterte Mensch. “Auch ein Theaterstück nur zu lesen, stufe ich als unmittelbares Kunsterlebnis ein. Die imaginierten Bilder im Kopf kann ich dann später mit den realen Bildern auf der Bühne in Beziehung setzen.” Was die Schule betrifft, so erfahre das E-Learning aus seiner Sicht einen ungemeinen Schub. “Nach dieser Krise werden viele Lehrpersonen und mit ihnen die Schülerinnen und Schüler mit Lernplattformen viel selbstverständlicher umgehen als bisher. Das mag den performativen Lehr- und Lernformen auf den ersten Blick zum Nachteil gereichen, aber mittelfristig denke ich, dass Schultheater, sei es prozessorientiert als Unterrichtsmethode, sei es produktorientiert als Aufführung, von der Digitalisierung sogar profitieren kann.”
Das “Dekameron” von Boccaccio
Der Laptop könne nicht jeden Wunsch erfüllen, die Sehnsucht nach dem Physischen bleibe. Als Tipp für die Kulturvermittlung im Wohnzimmer empfiehlt Riedmann das “Dekameron” von Boccaccio. Die Parallelen zur gegenwärtigen Situation seien frappant. Damals, im Jahr 1348, als die Pest in Florenz wütete, haben sich junge Adelige – sieben Frauen und drei Männer – auf einem Landgut in Quarantäne begeben. Um sich die Zeit zu vertreiben, haben sie sich Geschichten erzählt. “Ich möchte gerne folgende Vorschläge dazu machen: Jeden Abend eine Geschichte aus dem ,Dekameron’ einander vorlesen. Die Geschichten sind, obwohl beinahe 700 Jahre alt, sehr amüsant und lesenswert.” Angelehnt an das Setting von Boccaccio könnte man Kapitel und Gedanken aus einem Lieblingsbuch miteinander teilen, eine selbst erfundene Geschichte erzählen oder schreiben. Als Theatercoach hat er noch eine weitere Idee parat: Ein Kasperltheater ließe sich ganz einfach auch mit Puppen bauen und für Rollenspiele verwenden. VN-cd