Ohne Hund geht in dieser Ausstellung gar nichts

Die Szenarien der Vorarlbergerin Judith Saupper zu einer freien Mensch-Tier-Natur-Beziehung sind in der Galerie Hollenstein zu sehen.
LUSTENAU Er heißt Kol, ist ein Sheltie, also ein Hund, der als besonders beweglich gilt, und geht seit zwei Jahren an der Seite von Judith Saupper – ihres Zeichens Künstlerin, Bühnenbildnerin und als glückliche Hundebesitzerin eine Ersttäterin – durch Land und Leben, vor allem aber durch die Kunst. Die Frage, die der Ausstellungstitel in der Galerie, die im Moment noch Hollenstein heißt, fast schamhaft und eher rhetorisch aufwirft, ob der Hund denn nun Teil der Ausstellung sei, ist überhaupt nicht dumm. Ganz im Gegenteil: „It‘s maybe a silly question but is the dog part of the work? Or: Rebuild Nature“ schleust auf raffinierte Weise durch die Hintertür ein Lebewesen in die Schau, dessen Darstellung oder Spuren von Anwesenheit man in den Räumen indes vergeblich sucht.
Die Natur neu bauen
2012 war Judith Saupper, die aus Vorarlberg stammt und mittlerweile in Niederösterreich lebt, gleichenorts mit faszinierenden architektonischen Objekten vertreten, die in Puppenhaus-Manier Einblicke in die gesellschaftlich-sozialen, häuslichen Abgründe und in mehr oder weniger illustre Nachbarschaften boten. In ihren aktuellen Arbeiten thematisiert sie das große Ganze, die Natur, aber auch unsere Ängste, den Umgang mit Katastrophen und wirft dabei auch die Frage auf, ob wir inmitten des medialen Bilderstrudels überhaupt noch zwischen realer Bedrohung und alltäglicher Verunsicherung unterscheiden können.

In dichten, fast enzyklopädisch angelegten Installationen und Environments, in Zeichnungen, Fotos und Objekten, verhandelt Judith Saupper die – häufig bereits aus dem Ruder gelaufene – Beziehung von Tier, Mensch und Natur. Kol, der Hund mit seinen feinen Sinnen, die auf den täglichen Streifzügen durch die Landschaft auch die Wahrnehmung von Judith Saupper schärften, auf bisher Unbemerktes lenkten und ins Schaffen einfließen lassen, ist damit Inspirationsquelle und Co-Artist. Womit die Frage nach seiner aktiven Teilhabe am neuen, erstmals gezeigten Projekt „Rebuild Nature“ in erster Instanz geklärt wäre.
Fromme Gottesanbeterin
Fünf ersponnene Szenarien zeigen in verschiedenen Entwicklungsstufen auf, wie sich Pflanzen und Tiere jenseits von menschlich optimierter Kosten-Nutzenrechnung frei entwickeln können. So hat sich das Espenlaub für den Fall der Fälle schon einmal bandagiert, während die Gottesanbeterin emanzipiert und fromm den Partner weder zu Begattungszwecken noch zum Fressen mehr braucht. Was der hochsensible Oktopus in einer Sekunde alles erlebt, lässt sich in einer mehrteiligen Collage aus bunt bemalten Papierfitzeln nachvollziehen und wie wenig den Menschen von der Banane unterscheidet, zeigen die „Muster“-Collagen auf. Mit Poesie, subtilem Humor und Einfallsreichtum, aber auch einer gehörigen Portion Pragmatismus, nimmt Judith Saupper den an sich düsteren Szenarien ihre Schwere, ohne die Thematik zu verharmlosen. Wissenschaftliche Theorien verselbständigen sich in den Gedanken und der Hand der Künstlerin. Der modellhafte Kosmos den sie aufspannt, steht der Komplexität unserer Welt in nichts nach. Die Bilder, die sie evoziert, regen zum Nachforschen und Nachdenken an.
Wirbelsturm
„Die Katastrophe beginnt dort, wo die Erde versucht den Himmel zu berühren“, kommentiert die Künstlerin ihre Skulptur „White Out“, die sich als erstarrter Wirbelsturm vom Boden zur Decke schraubt und den Mittelpunkt des vor wenigen Jahren entstandenen Werkkomplexes „Porträt einer Landschaft“ im zweiten Raum bildet. Darum herum, mit souveränem Strich gezogen, großformatige Tuschezeichnungen, die Landschaften als Lebensraum, sprich Heimat, zeigen. „Die Zukunft ist nicht mehr an ihrem Platz“ lautet ein Titel. „Kalkulierte Katastrophe“ ein anderer. Kann man Katastrophen berechnen und wo war die Zukunft zuhause? Die Mutationen der Walnußfruchtfliege sind offensichtlich, aber ebenso gefakt wie die archäologisch gereihten und durchnummerierten Knochen in den wissenschaftlich anmutenden Schaukästen. Der einzige Anker aus der Realität ist ein Buch mit den täglichen Wetteraufzeichnungen aus einem halben Jahr. Aber wen interessiert schon das Wetter von gestern? Ariane Grabher
Die Ausstellung mit Arbeiten von Juditz Saupper ist in der Galerie Hollenstein, Pontenstraße 20, Lustenau, bis 26. April geöffnet, Fr, Sa, Sonn- und Feiertag von 15 bis 19 Uhr.