Schauriges von himmlischen Helfern

Vorarlberg Museum präsentiert kunstgeschichtliche und inhaltlich interessante Altarbilder mit den 14 Nothelfern.
Bregenz Die Kanonisation wie die Beatifikation sind kirchenrechtliche Verfahren, die nicht ins Mittelalter bzw. in die Zeit der Christianisierung in Europa oder in die Zeit der Gegenreformation zurückzuführen sind, wie die Geschichte jener Nothelfer, denen sich das Vorarlberg Museum in Bregenz nun in einer Sonderausstellung widmet. Heilig- und Seligsprechungen, mit denen der Papst erklärt, dass ein Verstorbener oder eine Verstorbene verehrt werden darf, sind auch in der unmittelbaren Gegenwart erfolgt. Österreicher dürfen sich seit knapp zwei Jahrzehnten damit auseinandersetzen, dass sich der letzte Kaiser, der 1922 im Exil auf Madeira an einer Lungenentzündung verstorbene Karl I., auf der Liste der Seligen befindet. Die notwendige Voraussetzung dafür lieferte eine polnische Nonne, die bezeugte, dass sie nach der Anrufung der privilegierten Person aus dem Haus Habsburg-Lothringen um Fürsprache von ihrem schweren Venenleiden geheilt wurde. Wer nicht als Märtyrer gestorben ist, von dem muss eine Wundertat dokumentiert sein.

Die erwähnten 14 Nothelfer lebten im zweiten bis vierten Jahrhundert. Von Achatius, der im Übrigen ein hochrangiger Soldat war und vor seiner Bekehrung zum christlichen Glauben wohl einige Menschen ums Eck gebracht haben dürfte, bis zu Vitus sind sie alle für verschiedene Krankheiten, Beschwerden oder auch Naturkatastrophen zuständig bzw. sollten diese abwenden. Für eine Zeit, in der die meisten Menschen Analphabeten waren und in der sich sowieso niemand aussuchen durfte, woran zu glauben war bzw. in der die Menschen mit ständiger Angstmache vor Fegefeuer und Hölle zahm gehalten wurden, ist diese Art von Volksfrömmigkeit absolut nachvollziehbar. Man denkt beim Blick auf das Bild von Vitus, der ein Bad im siedenden Öl überstanden haben soll, auch an die an Krämpfen Leidenden, die sich in ihrer Not an ihn wandten, weil die Mediziner noch kein probates Mittelchen parat hatten. Noch deutlicher wird die Vorstellung bei der Margareta, die von Gebärenden oder Unfruchtbaren angerufen wurde. Frauen brachten sich einst mit jeder Schwangerschaft erneut in Lebensgefahr, wurden sie erst gar nicht schwanger, war es auch nicht recht. Anfügen könnte man noch, dass sich jene, die sich an heilkundige Geschlechtsgenossinnen wandten, zwar oft Linderung erfuhren, aber auch nicht wirklich gute Karten hatten. Es gab Zeiten, in denen sich die Kirche dieser Heilkundigen per Todesurteil entledigte. Beim Gang zum Scheiterhaufen konnten sie mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie nach dem erlittenen Martyrium gewiss nicht als Fürsprecher verehrt werden.
Nervenkitzel
Diese Funktion ordnet Markus Hofer, Theologe, Kunsthistoriker und Leiter der Fachstelle für Glaubensästhetik der Diözese Feldkirch, den Heiligen zu. Er ist neben Andreas Rudigier, dem Direktor des Vorarlberg Museums, Autor des Buches „Die vierzehn Nothelfer. Das himmliche Versicherungspaket“, das der Tyrolia Verlag herausgebracht hat. Darin wird die Thematik äußerst verständlich aufbereitet und etwa auch der Nervenkitzel berührt, den die Schauergeschichten von den Folterungen den Menschen geboten haben. Dass dieses Bedürfnis nach Geschichten vom Bösen und Irrationalen, so Hofer, mit dem heutigen Interesse an Fantasy-Abenteuern vergleichbar ist, muss man als Betrachter der Altarbilder mit den Nothelfern nicht bestätigen. Lange nicht alle, die höchst rational denken, suchen zum Ausgleich Zerstreuung mit abstrusen Geschichten samt wundersamer Erscheinungen, und wer sich heute in unseren Breitengraden endlich gefahrlos als nicht religiös bezeichnen kann, ist deswegen nicht gleich empfänglich für die Verheißungen der Esoterik-Industrie.

Von kunstgeschichtlichem Interesse
Von kunsthistorischem Interesse ist die Ausstellung im Atrium des Vorarlberg Museum in Bregenz auf jeden Fall. Als besondere Fürsprecher unter den Tausenden von Heiligen entstanden vor allem nach dem Konzil von Trient (1545-1563) zahlreiche Abbildungen der Nothelfer. Gerade als Reaktion auf die Forderungen und Lehren der Reformation war die Heiligenverehrung von der römisch-katholischen Kirche ja ausdrücklich erlaubt. Der Besucher stellt somit fest, dass Vorarlberger Kirchen durchaus gut mit Nothelfern bestückt sind. Ein Seitenaltarbild in der Kreuzkirche in Dalaas listet sie beispielsweise auf. In Satteins gruppieren sich die Nothelfer um Christus am Ölberg, in der Pfarrkirche Ludesch sind sie ebenso auszumachen wie in der Pfarrkirche Silbertal. Die Darstellungen stammen überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert, reichen aber auch herauf bis fast in die Gegenwart, auch der bekannte Vorarlberger Maler Hubert Berchtold hat sich etwa im Rahmen seiner Glasfensterarbeiten damit beschäftigt.
Eröffnung der Ausstellung am 6. März, 17 Uhr, im Vorarlberg Museum in Bregenz. Geöffnet bis 24. Mai. Buch „Vierzehn Nothelfer“ im Tyrolia Verlag.