Statt Akten ein guter Roman
Vor Kurzem wurde der vor 75 Jahren erfolgten Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Jänner 1945 gedacht. Das kleine polnische Städtchen wurde durch das schlimmste KZ der Nazis zum Synonym für die Verbrechen, die von Deutschen vor allem an Juden begangen wurden. Mehr als eine Million Menschen wurden in diesem Lager gedemütigt, gefoltert und ermordet. Unbeschreibliche Grausamkeiten passierten hier nicht zuletzt an Frauen und Kindern. Mehr als 8000 SS-Angehörige in Auschwitz waren am fast fünf Jahre dauernden Kollektivmord in irgendeiner Form beteiligt.
„Es ist ein unglaublich spannendes Buch, in dem sich der Auschwitz-Prozess und die Verbrechen im KZ unmittelbar erschließen.“
Es hat lange gedauert, bis zumindest einige der Täter vor ein Gericht gestellt wurden. 1947 wurde der erste Lagerkommandant von Ausschwitz, Rudolf Höß, in Polen zum Tode durch den Strang verurteilt, das Urteil wurde auf dem Gelände des Lagers vollstreckt. Dann dauerte es bis zum Jahr 1965, bis es durch den mutigen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, maßgeblich unterstützt vom Wiener Hermann Langbein vom Auschwitz-Komitee, in Frankfurt zum ersten großen Prozess kam, der zwei Jahre dauerte. 19 Personen wurden angeklagt, 17 von ihnen erhielten Haftstrafen, sechs davon lebenslang. Nun ist vor Kurzem ein Roman der deutschen Autorin Annette Hess erschienen, „Deutsches Haus“ (Ullstein Verlag). Maßgebliche Person der Handlung ist die junge Dolmetscherin Eva Bruhns, die 1965 in Frankfurt zu einer Zeugenbefragung gerufen wird, wo sie vom Polnischen ins Deutsche übersetzen soll. Es dauert, bis sie erst über Zeitungslektüre erkennt, dass es in diesem Prozess um Auschwitz geht. Eva Bruhns spricht mit ihren Eltern, die den Gasthof „Deutsches Haus“ führen, und mit ihrem Verlobten, alle raten ihr ab, weiterhin zu übersetzen. Doch sie bleibt, hört nicht zuletzt die furchtbaren Schilderungen der Zeugen und die überheblichen Rechtfertigungen der Beschuldigten, ist immer mehr betroffen von den menschlichen Abgründen, die sich ihr auftun. Und immer deutlicher wird, dass es maßgebliche Verstrickungen auch ihrer Familie nach Auschwitz gibt.
Es ist ein unglaublich spannendes Buch, in dem sich der Auschwitz-Prozess und die Verbrechen im KZ unmittelbar erschließen. Die Autorin bleibt hart an der Realität, indem sie wortwörtliche Zitate aus dem Prozess einflicht. Sie zeigt auch, wie sehr sich die deutsche Geschichte (die auch eine österreichische ist) bis in Familien hinein verstörend bis zerstörend auswirkte. Wer nicht die Prozessakten von Auschwitz lesen will – hier findet er oder sie betroffen machende und informierende Lektüre. Und dazu noch einen guten Roman.
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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