Opernauftakt in Salzburg mit Botschaft, aber ohne Erzählwillen

“Idomeneo” im Zeichen des Klimas oder Sellars und Currentzis wären mit einer konzertanten Version besser bedient.
Salzburg Bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele war es Bundespräsident Alexander Van der Bellen, der eindringlich von der großen Herausforderung sprach, der wir uns angesichts der drohenden Klimakatastrophe zu stellen haben. In Salzburg erhielt das Staatsoberhaupt für diesen Appell prominente Unterstützung, wobei das seit 99 Jahren bestehende Unternehmen mit seiner Exklusivstellung heuer davon abwich, bei der Festrede philosophisch-essayistischen Ansprüchen zu entsprechen. Der amerikanische Regisseur Peter Sellars forderte neben konkreten Maßnahmen zur Veränderung der kapitalistischen Ordnung oder zur pflanzlichen Ernährung die Beendigung des entsetzlichen menschlichen Kreislaufs, der unsere Erde zerstört. Am Samstagmittag war das Wort das Kommunikationsmittel, einige Stunden später die Musik. Sellars sieht in Mozarts 1781 uraufgeführter Oper „Idomeneo“ das geeignete Werk für diese Botschaft. Das leichte Zurechtbiegen der Partitur und die Hinzunahme eines Bass-Solos aus „Thamos, König in Ägypten“ rechtfertige die Tatsache, dass auch Mozart, wie viele Komponisten, Veränderungen vornahm. Ob das Genie aus Salzburg, das für den Stoff aus griechischer Mythologie und Geschichte schöpfte, die Bedrohung der Welt vor Augen hatte, diese Vorstellung darf man sich freilich schenken, eher ist der aufgeklärte Mensch das Credo. Und das gilt für eine Reihe seiner Werke.
Nicht schlüssig
Nach drei Stunden in der Felsenreitschule und einer ausgedehnten Pause aufgrund der Anwesenheit und Beachtung zahlreicher Repräsentanten der Politik und Wirtschaft gelangte man zur Erkenntnis, dass Sellars öffentliche Äußerungen zwar viel Kluges und Spannendes enthalten, wofür er eigentlich in Salzburg ist, nämlich diese Spannung auch inszenatorisch dem „Idomeneo“ angedeihen zu lassen, das erschließt sich nicht. Was er mit dem Dirigenten Teodor Currentzis erarbeitete, würde auch als konzertante Version wirken. Das Team machte sich damit weniger angreifbar. Jener Teil des Publikums, der davon ausgeht, dass Musiktheaterregisseure auch den Auftrag haben, eine Geschichte zu erzählen, kommentierte den finalen Auftritt des Stars mit seinen Mitarbeitern George Tsypin (Bühne) und Robby Duiveman (Kostüme) sowie Lemi Ponifasio (Choreografie) mit kräftigen Buhs. Bejubelt wurden Currentzis, die Musiker und die Sänger, die – der Auffassung des Dirigenten entsprechend – nur als Ensemble vor den imaginären Vorhang traten.
Nach dem „Jedermann“ auf dem Domplatz, der schon ins Vorspiel integriert wurde, hat Salzburg mit der ersten Opernproduktion zwar ein musikalisches Erlebnis geboten, auf das Ereignis muss man aber noch warten. Am Dienstag folgt Cherubinis „Médée“ , inszeniert von Simon Stone. Im Graben sitzen dann die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Thomas Hengelbrock.
Das Freiburger Barockorchester hat am Samstagabend die Latte für diese Saison enorm hoch gelegt. So viel Farbe, so viel Klang, so viel Feinheit, auf ein paar Rezitative kann man getrost verzichten. Aber nichts vom Orchesterpart, nichts von der voll ausgespielten (stimmig von Tänzern aus Samoa unterstrichenen) Ballettmusik und schon gar nichts vom Chor will man missen, den hier das musicAeterna-Ensemble aus Perm stellt. Dabei hatte Currentzis den Klang derart austariert, dass auch Idamante (Paula Murrihy) sowie Idomeneo (Russell Thomas) ausreichend Gelegenheit hatten, stimmlich zu reüssieren. Da ging nicht alles auf. Der Abend gehörte Ying Fang (Ilia) und Nicole Chevalier (Elettra). Beide waren in Hochform, mussten es sein, denn selbst bei der Personenführung ließ Sellars nach, was Chevalier dazu verleitete, ihren Zorn furios bzw. extrem nah an Pathos und Kitsch zu gestalten.
Klimakatastophe hin oder her, worum geht es in „Idomeneo“? Ein König steht nach dem Trojanischen Krieg im Konflikt mit dem Meeresgott, soll seinen Sohn opfern. Der wiederum steht zwischen zwei Frauen und ist hin- und hergerissen zwischen Liebe und Pflicht. Das uralte Opernthema wird gütlich gelöst. Die junge Generation soll ein friedliches Zusammenleben herbeiführen.
Apropos Klimakatastrophe
Was haben Regisseure, auch der neue Burgtheaterdirektor Martin Kusej, schon Interessantes aus “Idomeneo” herausgelesen. In der Felsenreitschule gibt es in Anlehnung an „La clemenza di Tito“, jener Mozart-Oper, die das Team Currentzis/Sellars vor zwei Jahren mit ähnlichen Mitteln auch szenisch wesentlich kompakter hinbekommen hat, sozusagen als Fortsetzung, inklusive Tarnkostüme, ein wenig Kriegs- und Flüchtlingsthematik und atmosphärisches Dekor, wobei die luziden amorphen Gebilde – apropos Klimakatastrophe – sowohl für die Schönheit der Meeresfauna als auch für die Verschmutzung der Ozeane durch Plastikmüll stehen können. Man suche es sich aus.
„Idomeneo“ steht bis 19. August auf dem Programm der Salzburger Festspiele.