Orchesterkonzert als Fest der Stimmen

Kultur / 24.07.2019 • 09:00 Uhr
Orchesterkonzert als Fest der Stimmen
Wiener Symphoniker unter Fabio Luisi im Bregenzer Festspielhaus. BF/MATHIS

Der Prager Philharmonische Chor trumpft mit Verdi bei den Festspielen auf.

BREGENZ Das strahlende Dreigestirn der ersten erfolgreichen Opern-, bzw. Theaterpremieren bei den Festspielen setzte sich nahtlos fort mit dem ersten der drei Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker. Verdis „Messa da Requiem“ als Meisterwerk des oratorischen Konzertrepertoires war angesetzt als Hommage an den Prager Philharmonischen Chor anlässlich der zehnjährigen Zusammenarbeit. Die 90 Sängerinnen und Sänger erwiesen sich dieser Ehre als durchaus würdig.

Die Symphoniker spielen erstmals seit 2013 wieder unter ihrem langjährigen und nach wie vor beliebten Chef Fabio Luisi, mit dem sie das Verdi-Requiem bereits 50 Mal aufgeführt haben. Die Wiedersehensfreude ist beiderseits groß. Und auch die Prager haben das Werk bereits unter Luisi gesungen. Alles ist also aufs Beste vernetzt und angerichtet für eine mustergültige Wiedergabe, bei der vorab unter den Verdi-Freaks allein die Frage nach der viel diskutierten Ausrichtung des Werkes im Raum steht. Manche wollen in diesem religiösen Opus sogar opernhafte Züge als Verdis Leidenschaft erkennen. „Nein! Ich finde, es gehört zu den ergreifendsten Musikstücken, die überhaupt je geschrieben wurden“, meint Intendantin Elisabeth Sobotka, die mit dieser Werkwahl auch eine Achse zu Verdis „Rigoletto“ am See schaffen wollte. „Es entsteht als Menschheitsdrama mit einer großen, aber auch sehr innerlichen Dramatik, die gar nicht aufgesetzt wirkt.“

Wie ein Sturmwind

Verdi-Feinspitz Luisi lässt keinen Zweifel daran, dass er diese Meinung voll und ganz teilt. Schon die in einem unheimlichen Pianissimo entstehenden ersten Takte, die ab der 10. Reihe nicht mehr hörbar sind, unterstreichen diese tief spirituelle Versenkung, dieses Einswerden mit der katholischen Gläubigkeit des Komponisten zwischen Demut und Hoffnung auf Erlösung. Es ist auch dessen Ehrfurcht vor dem Tod, die dem Dirigenten jede Anbiederung an Verdis gerne apostrophierte „Leierkastenmusik“ in der Begleitung seiner Opernarien verbietet. Und es entsteht aus diesem dynamischen Extrem als besonderes Stilmittel auch eine effektvolle Wiedergabe der Kontraste, wenn kurz danach das „Dies irae“ um den „Tag der Vergeltung“ mit ungeheurer Wucht wie ein Sturmwind durch den Saal peitscht.

Die Prager zeigen, was sie als Konzertchor „draufhaben“, wenn es nicht um Kostüm, Maske und Choreografie geht, sondern allein um die Musik. Dennoch: Ein durchgängiges 90-minütiges Werk wie das Verdi-Requiem, bei dem der Chor als Zentrum hauptsächlich das Geschehen und die Aussage transportiert, stellt ungeheure Anforderungen, die gegen Ende in der großen Fuge noch den allerletzten Einsatz von jedem Einzelnen verlangen. Dazwischen ist alles Denkbare an Leidenschaft, Emotionalität und Konzentration gefragt, zwischen Zartheit und Zerrissenheit. Nur so wirkt das Verdi-Requiem schließlich in mild abgeklärter Schönheit wie ein großes Gebet.

Die Wiener stehen da in ausgewogener Balance mit den Sängern in nichts nach. Das prächtig disponierte Orchester, das auch beim 51. Mal abseits jeder Routine zu einer differenzierten Spielweise zwischen Optimismus und Erschütterung findet, legt in Luisis klarem Dirigat wunderbare klangliche Details frei, greift bei Bedarf in die Vollen, entwickelt aber auch Klänge von inwendiger Schönheit, überirdisch fast.

Aber auch die unmittelbar vor dem Chor platzierten vier internationalen Solisten aus anderen Festspielproduktionen sind stark gefordert. Die aus Uruguay stammende Sopranistin Maria José Siri sorgt mit sanftem Strahlen für ein berührendes „Requiem aeternam“, hat aber punkto Sauberkeit noch Verbesserungspotenzial. Man freut sich, mit der russischen Altistin Anna Goryachova und dem ungarischen Bassisten Gábor Bretz zwei bekannte Stimmen aus Massenets Hausoper „Don Quichotte“ nochmals zu erleben, auch hier in stimmlich edler Luxusklasse. Der russische Tenor Sergey Romanovsky, einer der drei Herzöge in „Rigoletto“, besitzt Metall und kraftvolle Spitzen. Nach dem ausgiebigen Schlussjubel gibt es wohl kaum jemanden, der das Haus ohne Betroffenheit verlässt. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe: 1. November, 19.30 Uhr, Österreich 1 .