Poetry-Slam: Wortgewandt und ziemlich interessant

Kultur / 15.07.2019 • 22:30 Uhr
Rund 240 Besucher erfreuten sich an den Texten der Kandidatinnen und Kandidaten. Sie thematsierten unter anderem Zugfahrten, Teleshopping und das soziale Miteinander. VN/Sorko
Rund 240 Besucher erfreuten sich an den Texten der Kandidatinnen und Kandidaten. Sie thematsierten unter anderem Zugfahrten, Teleshopping und das soziale Miteinander. VN/Sorko

Beim Poetry-Slam in der Poolbar wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Feldkirch Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Gedanken man innerhalb von nur sechs Minuten transportieren kann. Der erste Poetry-Slam fand 1987 in Chicago statt, seit 2003 ist dieses Veranstaltungsformat fixer Bestandteil des Poolbar-Festivals. Heuer traten sechs einzelne Kandidatinnen und Kandidaten und zwei Teams gegeneinander an. Die Texte sind selbstgeschrieben, es gilt ein Zeitlimit und es dürfen keine Hilfsmittel verwendet werden. Das Publikum bewertet die Vorträge mittels Applaus und Punktekarten. Der bekannte Begründer der österreichischen Poetry-Slam-Szene, Autor Markus Köhle, moderierte mit viel Wortwitz. „Die Szene erweitert sich in alle Richtungen, mittlerweile werden auch in zahlreichen kleineren Orten Poetry-Slams veranstaltet“, freut sich Köhle und fügt hinzu: „Es kommen immer mehr Menschen dazu, trotzdem handelt es sich um keinen Mainstream, wir bleiben uns treu. Die Vielfalt zeichnet dieses Veranstaltungsformat aus.“

VN/SorkoDas bekannte Duo "Kirmes Hanoi" hat den Poetry-Slam gewonnen.
VN/SorkoDas bekannte Duo “Kirmes Hanoi” hat den Poetry-Slam gewonnen.

Krasser Stoff

Über Interrail, Donald Trump, den Klimawandel, Fake-News und vor allem das Leben in Wien sprach das erste Team „MYLF“, bestehend aus Mieze Medusa und Yasmin Hafedh. Heiße Septembernächte mit Sepp unter der Steppdecke thematisierte die Tiroler Poetry-Slammeisterin Roswitha aus Imst. Das Duo “Kirmes Hanoi” schrieb ein Gedicht über das soziale Miteinander. Der Schweizer Dario zog seine Landsleute auf charmante Weise durch den Kakao. Das Sparbillet für den Zug sei für Schweizer unter anderem so wichtig wie für die Deutschen das Besetzen von Liegestühlen mit Handtüchern. Henrik, der auch als Autor tätig ist, nahm das Publikum auf eine Reise mit dem Fernzug nach Wien mit.

Schlimmen Liebeskummer und Schlussmachen per WhatsApp thematisierte Ines aus dem Kleinwalsertal. Mieze Medusa stand als Startnummer sechs mit dem Text „Ich mag Menschen“ auf der Bühne. Poolbarmitarbeiter Benjamin ließ seinen letzten Kater hautnah miterleben. Für das Finale konnten sich Ines, das Team „MYLF“, der Schweizer Dario und das Duo „Kirmes Hanoi“ qualifizieren. Mit ihrem gesellschaftskritischen Text über die Gefahren des Rechtspopulismus überzeugte „Kirmes Hanoi“, bestehend aus Henrik Szanto und Jonas Scheiner. „Es geht nicht darum, zu gewinnen. In der Szene herrscht ein liebevoller Grundton, man kann sich über Grenzen hinweg vernetzen. Auch abseits von Slams-Veranstaltungen entstehen spannende Projekte zu den Themen Musik und Literatur“, freut sich Henrik Szanto.

Kandidaten gesucht

Banales, intime Techtelmechtel oder auch Jugendsünden, beim Tagebuch-Slam kommen diese Geschichten wieder ans Tageslicht. Österreichweit lasen bisher 434 Menschen aus ihren Tagebüchern vor, der älteste Teilnehmer saß mit 90 Jahren auf der Bühne. Das Prinzip ist einfach, die Kandidaten lesen aus ihren alten Tagebüchern vor, die originalen Texte dürfen nicht abgeändert werden. „Die schönsten Geschichten schreibt ein Leben. Die Zuhörerinnen und Zuhörer können sich in den Einträgen wiedererkennen“, sagt Moderatorin und Initiatorin Diana Köhle. Seit 2015 ist sie mit dem Format österreichweit unterwegs. Für den Tagebuch-Slam in der Poolbar Anfang August werden noch Kandidatinnen und Kandidaten gesucht. „Ich freue mich über Anmeldungen aus allen Altersklassen, die Tagebucheinträge sollten mindestens fünf Jahre alt sein. Beim Tagebuch-Slam lachen wir nicht übereinander, sondern miteinander. Während der Jugend haben wir alle mit denselben Problemen und Sorgen zu kämpfen,“ erklärt die Slammoderatorin.

Das Poolbar-Festival läuft noch bis 11. August. Der Tagebuch-Slam findet am 4. August statt: www.liebestagebuch.at

 VN/SORKO
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