Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Flammen mitten ins Herz

Kultur / 21.04.2019 • 16:59 Uhr

Sie standen in Paris vor dem Jahrhunderte alten Gotteshaus, die Hände vors Gesicht geschlagen, in den Augen Tränen; wir saßen vor den Fernsehgeräten, gleich geschockt wie jene auf der Seine-Insel Île de la Cité vor dem brennenden Wahrzeichen von Paris. Notre-Dame, die Kirche „unserer lieben Frau von Paris“, in hellen Flammen. Mehr als nur ein Bauwerk war da einsturzgefährdet, ein Symbol für ganz Frankreich drohte durch Flammen und Löschwaser für immer vernichtet zu werden. Und zudem noch unschätzbare Kunstwerke im Inneren der Kirche, vor allem die den Katholiken unersetzliche Dornenkrone. Tage später wissen wir: Die Kirche kann gerettet werden, ebenso wurden die meisten Kunstgegenstände aus der Kirche in Sicherheit gebracht. In fünf Jahren, so Präsident Emmanuel Macron, soll Notre-Dame wieder aus der Asche erstehen.

“Womit wir bei einem besonderen Problem dieser Katastrophe sind, bei all jenen nämlich, die das tragische Ereignis für sich nutzbar machen wollten und wollen.”

Womit wir bei einem besonderen Problem dieser Katastrophe sind, bei all jenen nämlich, die das tragische Ereignis für sich nutzbar machen wollten und wollen. Der Präsident, derzeit durch die Demonstrationen der „Gelbwesten“ und wirtschaftliche Probleme in erheblichen politischen Schwierigkeiten, will die gesamte Nation zum Wiederaufbau von Notre-Dame hinter sich versammeln. Zusammenstehen müsse jetzt die Grande Nation, nicht mehr um Kleinlichkeiten diskutieren, sondern das große Ganze im Auge haben. Wie zu Revolutionszeiten: Er wie weiland Jeanne d‘Arc mit der Tricolore ganz vorne und hinter ihm vereint die Franzosen – am besten bis zur nächsten Wahl.

Und dann sind da noch die Spender, die Großindustriellen und Wirtschaftskapitäne Frankreichs, die gleich einmal mit großmundigen Ankündigungen auftraten. Der eine sagte hundert Millionen Euro für den Wiederaufbau zu, was den nächsten dazu ermunterte, sofort auf zweihundert Millionen zu gehen. Und so schaukeln sie sich nach oben, jeder will den anderen übertrumpfen und noch mehr sein nationales Herz heraushängen. Sie sagen natürlich nicht dazu, dass solche „Spenden“ beste Werbung sind, dass man zudem die „Spenden“ von der Steuer absetzen kann, womit sich die Zahlung auf weniger als die Hälfte verringert.
Das alles sagen sie nicht, denn sie tun so, als wären sie reinen Herzens. Aber man glaubt ihnen nicht. Denn wollten sie wirklich helfen – in der Politik genauso wie in der Wirtschaft –, dann gäbe es genug soziale Projekte, bei denen sie den wirklich Armen schon bisher hätten helfen können. Um mit Goethe zu reden: Man merkt die Absicht – und ist verstimmt.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.