Stolz entschuldigt keine Blindheit

Die Präsenz der Lustenauer Malerin Stephanie Hollenstein im Belvedere wird dort ehrlich kommentiert.
Wien, Lustenau Vor und nach der Auseinandersetzung mit Arbeiten von Stephanie Hollenstein (1886-1944), die in die umfangreiche Ausstellung “Stadt der Frauen” aufgenommen wurden, mit der das Wiener Belvedere die Leistungen von Künstlerinnen für die Moderne bzw. die Kunst der Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit würdigt, bleibt das Auge an Werken von Friedl Dicker (1898-1944) hängen. Das war jene hochkreative Studentin am Bauhaus, die für die Gestaltung des Lebensumfeldes von Menschen, also im Bereich der Architektur und des Designs, Enormes leistete. Darüberhinaus war Dicker auch Malerin. Unter den Nationalsozialisten, die das Bauhaus, das heuer sein 100-Jahr-Jubiläum mit zahlreichen Veranstaltungen feiert, verboten und geschlossen hatten, wurde sie nicht nur wegen ihres sozialen Engagements angefeindet und schließlich verfolgt, sondern auch wegen ihrer jüdischen Herkunft. Inhaftiert im Ghetto Theresienstadt unterrichtete sie Kinder, versuchte den jungen Menschen mit Kunst Hoffnung zu vermitteln. Gemeinsam mit ihrem Mann wurde sie nach Auschwitz deportiert, wo sie in der Gaskammer ermordet wurde.
Neben dem düsteren Werk “Verhör” ist Dicker etwa mit stilbildenden Einrichtungsskizzen im Belvedere vertreten. “Stadt der Frauen” ist, wie nach der Eröffnung der Schau, die mittlerweile auf sehr großes Besucherinteresse stößt, bereits berichtet, auch als “Sichtbarmachung” der oft vergessenen weiblichen Seite einer Epoche zu lesen. Arbeiten von Tina Blau sind dabei, von Helene Funke, Broncia Koller-Pinell, Helene von Taussig, Fanny Harlfinger-Zakucka, Erika Giovanna Klien, Leontine Maneles, Friedl Dicker und von vielen anderen. Porträts, Selbstporträts, Landschaftsbilder, Skulpturen, Holzschnitte, Collagen oder zahlreiche Werke, die auf den Ursprung der Moderne verweisen, bilden eine Ausstellung, deren Thema auch über ein Katalogbuch Verbreitung findet.
Theaterstück über Hollenstein geplant
Mit großem Stolz hat die Marktgemeinde Lustenau nun in einer Aussendung darauf hingewiesen, dass mit der Ausstellung auch die aus dem Ort stammende Stephanie Hollenstein internationale Würdigung erfährt. Auf ein “Zeichen der Emanzipation” wird ebenso hingezeigt, wie auf die Tatsache, dass in Lustenau eine Galerie nach Hollenstein benannt ist. Welche Rolle die Künstlerin im Nationalsozialismus spielte, dass sie sich als glühende Anhängerin des Faschismus zeigte, der NSDAP beitrat und sogar eine führende Funktion einnahm, also ein bedeutender Aspekt ihrer Biografie, wurde dabei weggelassen. Nach Jahrzehnten des Stillschweigens über das folgenschwere politische Agieren von Personen, deren Schaffen in der Nachkriegszeit in Vorarlberg Anerkennung erfuhr, ist diese erneute Auslassung zumindest fragwürdig. Im Belvedere sind die Werke von Stephanie Hollenstein selbstverständlich mit entsprechenden Anmerkungen versehen. Weitere Erläuterungen ergeben sich durch die erwähnte Hängung. Freilich hat Hollenstein auch expressionistische Werke geschaffen, die nicht den Vorgaben der Nazis entsprachen. Was als “entartet” verfemt wurde, hatte sie gelegentlich verteidigt und auch ihr Lebensstil entsprach nicht dem Frauenbild in der Diktatur. Das Vorarlberger Landestheater will Stephanie Hollenstein in der nächsten Spielzeit ein Stück widmen. Eine ungeschönte Auseinandersetzung ist dabei einzufordern.