
Das Image eines Lokals total umzukrempeln ist ein tricky Vorhaben, das dem jungen Gastronomenpaar mithilfe von Beate Nadler-Kopf allerdings überzeugend gelungen ist, einer Architektin, die bereits durch die Einrichtung von zwei kleinen Geschäften ganz in der Nähe viel Fingerspitzengefühl bewiesen hat. Denn vis-á-vis der noch auf ihre Sanierung wartenden Villa Rosenthal liegend, besetzt der „Hirschen“ als Kopfbau der geschlossen bebauten Marktstraße städtebaulich eine Schlüsselstelle im komplett unter Schutz stehenden Zentrum von Hohenems, dessen sorgsame Renovierung bzw. ebenso selbstbewusstes wie kluges Weiterbauen in den letzten Jahren einen Stopp der Absiedlung bzw. eine erfreuliche Revitalisierung eingeleitet hat.
Dieses Tor zur Stadt in eine Architektur gewordene Einladung für alle zu verwandeln, war das gemeinsame Ziel der jungen Wirtsleute und der Architektin. Die bisher eher düsteren, rustikal daherkommenden Gasträume samt Bar wurden mit viel Gespür räumlich geklärt und einigermaßen durchlässig gemacht. Da das finanzielle Korsett eng war, wurde von dem teilweise noch aus den 1950er-Jahren stammenden Interieur belassen, was für Beate Nadler-Kopf akzeptabel war – etwa die Lampen in den Gasträumen bzw. die Barhocker – und durch neue Elemente stimmig ergänzt. Wobei es der Architektin ganz wichtig war, alles Modische zu vermeiden. Ganz bewusst nicht ausgelöscht wurde auch das höhlige Flair der Gasträume durch blauschwarz gestrichene Wände bzw. Foto-
tapeten mit Lokalkolorit.
Atmosphärisch im totalen Gegensatz zu der Veranda, die dem bis ins 17. Jahrhundert zurückgehenden, immer wieder um- bzw. weitergebauten Baukörper Richtung Süden vorgesetzt wurde. Gebaut aus Holz und außen mit Eternit verkleidet, sitzt diese auf einem Sockel aus Sichtbeton. Um durch ihre großzügige Verglasung zu einer einladenden Loggia mit weitem Ausblick zu werden, betretbar direkt von der Straße aus. Schnörkellos möbliert mit einer umlaufenden Bank und kleinen Tischchen für insgesamt 16 Gäste. Ungezwungenes Caféhausflair ist hier angesagt, angelegt als Ort, an dem sich ein urbanes Publikum wohlfühlt, das in den „Hirschen“, wie er sich ehemals darstellte,
niemals eingekehrt wäre.
Diese Veranda ist ein Zwitter aus den eigentlichen Gasträumen und dem großen, im Zug des Umbaus gründlich enthüttelten Gastgarten mit seinen prachtvollen alten Kastanienbäumen. Das verputzte Bestandsgebäude mit seinem markanten Kreuzgiebel, in dem Nathalie und Sebastian Hacker auch wohnen, erhielt nur ein sanftes Facelifting. In dem niedrigen Trakt, der gartenseitig an das Haus angedockt ist, befinden sich neben einer Garage der eigentliche Haupteingang zum Hirschen genauso wie die Rezeption zum danebenstehenden Gästehaus, eine neue WC-Anlage sowie ein im Zug des Umbaus freigelegter, aus hellem Naturstein gebauter Gewölbekeller. Komplett neu ist auch die Küche des Hohenemser „Hirschen“.
Die Zimmer im dunkelrot verputzten Gästehaus erhielten neue Böden und Bäder sowie teilweise auch neue Möbel. Opulente Fototapeten mit Motiven, die auf die Stadt und ihre Geschichte einstimmen sollen, vergrößern die winzigen Räume optisch.
Nathalie und Sebastian Hacker haben viel Herzblut und handfeste Eigenleistung in den Umbau ihres Gasthauses gesteckt, der im Herbst 2018 bis auf sechs Wochen neben dem laufendem Betrieb über die Bühne gegangen ist. Das Konzept, den alten Hirschen in ein offenes Haus für jedermann zu verwandeln, ist für die Wirtleute jedenfalls voll und ganz aufgegangen. Was sich jedenfalls in Vor-Corona-Zeiten nicht zuletzt in der erfreulichen Verdopplung des Umsatzes im Vergleich zur Zeit davor niedergeschlagen hat.
„Der ,Hirschen’ soll ein Gasthaus für alle sein. Unsere alten Gäste wie die neuen.“




