Spinnerei Klarenbrunn: eine historische Fabrik der Ideen

Am Rand der Bludenzer Au begann 1884 ein industriegeschichtliches Kapitel.
Bludenz Die Firma Getzner, Mutter & Cie. erwarb 1884 ein langgezogenes Grundstück, um dort eine moderne Spinnerei zu errichten. Der Fabrikbau orientierte sich an englischen Vorbildern, geplant vom Büro J. Felber & Co. aus Manchester, umgesetzt vom Bludenzer Baumeister Ignaz Wolf. 1886 entstand ein markanter Backsteinbau mit Pfeilerstruktur – laut Architekturkritiker Friedrich Achleitner eine Synthese aus traditionellen Saalbauten und modernen Industriesheds.

Zügige Anlagenerweiterung
Zur Spinnerei gehörten von Anfang an ein erhöhter Werkskanal, eine Wasserstube und ein Dampfkrafthaus. Ein eigens errichteter Steg über die Ill verband das Werk mit firmeneigenen Wasserbauten. Bereits kurz nach der Inbetriebnahme wurde die Anlage erweitert: Nach einem Brand 1888 entstand ein freistehendes Baumwollmagazin, 1895 folgte ein Lager- und Bürotrakt. Die Spinnerei Klarenbrunn spezialisierte sich auf verschiedene Garnstärken, die in der benachbarten “Bleiche” weiterveredelt wurden. Bei der Inbetriebnahme liefen 22.000 Spindeln. Bis 1992 blieb der Betrieb unter wechselnden Eigentümern aktiv, dann übernahm die Linz Textil GmbH und modernisierte umfassend – bis 2015 die Produktion eingestellt wurde.

Was braucht es für ein gutes Leben?
Doch der Stillstand war nur vorübergehend: 2016 hauchte Christian Leidinger dem Areal neues Leben ein. Mit seiner Zirbenbetten-Manufaktur Die Køje verwandelte er die alte Industrieanlage in einen Ort für neues Denken. Heute beherbergt die Fabrik Klarenbrunn mehrere Unternehmen und kreative Projekte. Sie ist ein Raum für Menschen, die sich fragen: Was braucht es für ein gutes Leben? – und die Antworten im gemeinsamen Tun suchen. Diese kreative Transformation ist nicht zufällig: Klarenbrunn war immer mehr als nur ein Ort der Produktion. Schon früh entstand rund um die Fabrik ein soziales Gefüge. Direkt angrenzend ließ Getzner, Mutter & Cie. eine kleine Werkssiedlung errichten – ein Direktorenhaus und drei Arbeiterwohnhäuser im Backsteinstil, ebenfalls von Ignaz Wolf geplant. Hinter den Häusern blieben bis heute Gärten und Holzlegen erhalten. Geplant waren ursprünglich drei weitere Doppelhäuser und ein Arbeiterwohnheim, die aber nie realisiert wurden.

Anlage unter Denkmalschutz
Ein weiterer Baustein des Quartiers ist die benachbarte Fabrik Alt-Klarenbrunn in der Gerberstraße. Sie wurde bereits 1836 von Basil Wolf & Co. als erste Fabrik in der Bludenzer Au errichtet und 1885 von Getzner, Mutter & Cie. übernommen. In dem schlichten viergeschossigen Bau wurden zunächst 24 Arbeiterwohnungen geschaffen – das Gebäude wird bis heute als Betriebswohnhaus genutzt. Die industrielle Entwicklung Bludenz’ ist eng mit der Nutzung der Wasserkraft und der verkehrsgünstigen Lage verbunden. Die Firma Getzner, gegründet 1818, prägte das gesamte Areal zwischen Ill und Bahnlinie maßgeblich – mit der Spinnerei Klarenbrunn als architektonischem Höhepunkt. Heute steht die gesamte Anlage unter Denkmalschutz und gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse historischer Fabriksarchitektur in Vorarlberg. CEM
