Warum ein junger Bauer plötzlich umdenkt

Hannes Schlachter hat sich von der traditionellen Milchviehwirtschaft verabschiedet. Er gewährt Einblicke in die Herausforderungen, die mit dieser Veränderung einhergingen.
Lochau Was bewegt einen jungen Bauern dazu, seinen traditionellen Familienbetrieb komplett umzustellen? Hannes Schlachter aus Lochau hat genau das getan und den Milchviehbetrieb seiner Familie umgekrempelt. “Zunächst ging es darum, so viel Milch wie möglich zu produzieren, genau wie ich es in der Landwirtschaftsschule gelernt habe”, erinnert sich der 33-Jährige. Die Landwirtschaftskammer bestärkte ihn in diesem Ansatz, doch im Laufe der Zeit begann Schlachter zu zweifeln. “Man treibt sich ständig zu Höchstleistungen, die Ansprüche an die Kühe steigen kontinuierlich und allmählich verliert man den eigentlichen Sinn der Landwirtschaft aus den Augen”, beschreibt er die Problematik.

Persönlicher Wendepunkt
Ein Hinterfragen dieser Praktiken führte schließlich zur Veränderung. „Es kam der Tag, an dem ich einfach nicht mehr konnte. Ich hatte einen persönlichen Tiefpunkt erreicht“, gesteht der Landwirt. Diese Krise war für Schlachter der Auslöser für eine grundlegende Neuorientierung. Er entschied sich für eine Zusatzausbildung im Bereich des Feldgemüseanbaus. „Da habe ich andere Menschen und Ansätze zur Landwirtschaft kennengelernt“, erinnert sich Hannes.

Dadurch erhielt der Lochauer eine neue, frische Perspektive. Unterstützt von seiner Lebensgefährtin Veronika Staudacher, seiner Schwester Elisa sowie der ganzen Familie, wandelt Schlachter den Hof in einen biologischen Landwirtschaftsbetrieb um. „Unsre Wilde Farm“ wurde geboren.

Biologischer Ansatz und Tierwohl
Hier finden sich heute nicht nur robuste Kuhrassen auf der Weide, sondern auch Ziegen, Hühner und Schweine. „Die Kühe helfen durch das Grasen, die Anbauflächen natürlich zu veredeln“, erklärt Hannes. Der natürliche Kreislauf steht auch sonst im Fokus: Die Kühe tragen wieder Hörner, und ihre Kälber werden von den Mutterkühen gesäugt, was den Verkauf von Milch zwar nicht rentabel macht, dafür aber das Wohl der Tiere in den Vordergrund stellt.

Außerdem kauft die Familie Schlachter auch Kälber von ausgewählten Höfen zu. Diese Jungtiere werden gemeinsam mit den eigenen Kälbern von den Mutterkühen gesäugt. “Dadurch können die Kälber, die sonst nur verscherbelt würden, ein artgerechtes Leben bis zur Schlachtung führen“, erklärt der passionierte Landwirt.

Die Produkte des Hofes von frischem Gemüse über Eier bis zum Fleisch der eigenen Tiere werden im hofeigenen Laden in Lochau vertrieben. Seit Sommer 2021 können Kunden hier direkt vom Erzeuger kaufen und sich vom Hof der Schlachters ein Bild machen.
Die starken Frauen am Hof
Hannes’ Schwester Elisa kümmert sich leidenschaftlich um den Gemüseanbau: “Die Arbeit macht mir unglaublich viel Freude. Man wird zwar nicht reich, aber das ist auch nicht mein Ziel”, erzählt sie lachend. Sie räumt ein, dass der Gemüseanbau einige Herausforderungen mit sich bringen kann, “doch das gehört dazu”.

Neben Hannes und Elisa ist Veronika ein wichtiger Teil des Teams. “Ich manage den Verkauf, führe Telefonate und bin für unser Marketing verantwortlich”, erzählt die 30-Jährige. Hauptberuflich ist Veronika Polizistin, doch auch für sie steht fest: “Die zusätzliche Arbeit hier am Hof bereitet uns allen so viel Freude. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn man mit der Familie am Tisch sitzt und sein selbst erzeugtes Essen vor sich hat.”

Eine nachhaltige Zukunft
Diese Wertschätzung für die heimischen Produkte vom Bauern nebenan wünscht sich das Team von “Unsre wilde Farm” auch von anderen Landwirtschaftsbetrieben und vor allem von den Konsumenten. “Das System muss sich verändern, denn so wie es momentan ist, wird es auf Dauer nicht tragbar sein”, erklärt Hannes. “Weder für die Menschen noch für die Tiere und die Natur.”