Über die Besessenheit durch Arbeit

Philosoph Andreas Oberprantacher referierte über den Themenkreis Arbeit in der Formatreihe Wissen fürs Leben.
FELDKIRCH “Unser heutiger Referent Andreas Oberprantacher kommt direkt vom Forschungskolloquium in Obergurgl zu uns”, freute sich Thomas Matt, Moderator und Leiter der Formatreihe Wissen fürs Leben, anlässlich des Vortrags zum Themenfeld Arbeit von eben Andreas Oberprantacher im Saal der Arbeiterkammer Feldkirch.

Thomas Matt verwies außerdem auf die aktuell stattfindende Arbeiterkammerwahl: “Der Saal ist ein spannender Raum – Mitte März wird sich hier das neue Arbeitnehmer-Parlament konstituieren. Doch heute wollen wir über Arbeit sprechen, das heißt, wir wollen den Begriff aus seiner ganzen Selbstverständlichkeit, wie er uns geläufig ist, in Frage stellen. Das ist eine ganz schön ambitionierte Geschichte, aber immerhin tragen wir den Begriff Arbeit in unserem Namen. Ohne Arbeit gibt es keine Arbeiterkammer.”
Omnipräsenz des Begriffs Arbeit
Für Thomas Matt ist der Begriff der Arbeit omnipräsent: “Wir sind so richtig besessen von diesem Begriff. Wir trauern nicht, sondern wir leisten Trauerarbeit. Jede Kontaktfreude artet in Beziehungsarbeit aus. Nach den Wohltaten der Fasnacht werden wir auf den Laufbändern der Fitness-Studios keuchen und Körperarbeit verrichten. Und selbst wenn wir danach ermattet in die Kissen fallen, erwartet uns dort schon die Traumarbeit.” Andreas Oberprantacher müsse das eigentlich wenig kümmern, so Thomas Matt: “Er ist Philosophie-Professor an der Universität Innsbruck und setzt die Fragezeichen dort, wo er will. Ein ehemaliger Student von ihm, Hannes Wendler, war im vergangenen Jahr hier bei Wissen fürs Leben zu Gast. Er bezeichnete Andreas Oberprantacher, und ich zitiere hier wörtlich, als ‘richtige Nummer’.”

Der Philosophiker habe über Grenzphänomene zwischen Flucht und Migration eine Habilitation geschrieben. Außerdem hatte er Lehraufträge in Thailand, Indien, Taiwan und Spanien inne, an der Universität von New Orleans war er Gastprofessor. Und mit der Friedensforscherin Rima Alluri leitet er das Forschungszentrum für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Innsbruck. “In seiner Arbeit geht es unter anderem um strukturelle Gewalt, eben auch am Arbeitsplatz. Und was könnte in diesen Tagen wohl aktueller sein, als Konflikte möglichst mit friedlichen Mitteln zu lösen”, betonte Thomas Matt. Wohlstand, Wert und Würde der Menschen knüpften sich heute an die Arbeit, was es kritisch zu betrachten gelte.
Verinnerlichte Glaubenssätze
Andreas Oberprantacher stellte zu Beginn gleich die Frage, welche Rolle das Denken beziehungsweise die Geistesarbeit spiele: “Historisch kommt die Philosophie von da, wo nicht gearbeitet wurde.” Es sei kein Zufall, dass eins der ersten philosophischen Bücher, nämlich “Politica” von Aristoteles gleich klarstellt, dass die Sklaverei förderlich sei, damit Arbeit geleistet werde: “Es gehört zur DNA, zumindest der klassischen Philosophie, über Arbeit zu sagen – es ist gut, dass andere sie machen müssen.” Aktuelle Arbeits- und Jobsituationen würden erst im Vergleich zu anderen Lebensbereichen verständlich: “Ich denke, wir haben nicht alle vorstellbaren Freiheiten, die wir zu haben glauben und die uns vielleicht auch versprochen wurden.”

Diese Arbeitsversprechen beinhalten Glaubenssätze wie etwa “Alles ist durch Arbeit erreichbar, wenn wir uns nur genügend anstrengen.” Es mache sich mittlerweile eine gewisse Enttäuschung bemerkbar, die immer mehr um sich greife und die nicht klar benennbar sei: “Wir sind jedenfalls durch keine scheinbare Freiheit mehr geblendet, die uns im Unklaren lässt, was uns denn unfrei macht.” Die Kunst zur Verführung zur Arbeit – eben durch jene verinnerlichten Paradigmen – funktioniere nicht mehr. Arbeit wird widersprüchlich zwischen der Erfüllung eines Versprechens und dem Ungenügen als Erfahrung wahrgenommen. Es gebe eine neue Form des Unbehagens, welches sich vielschichtig präsentiere. BI