Archäologen entdecken in Bregenz wichtige Zeugnisse der Geschichte

Heimat / 14.06.2023 • 11:25 Uhr
In diesem Bereich wurden Überreste der alten Steinkirche gefunden. <span class="copyright">HAPF/12</span>
In diesem Bereich wurden Überreste der alten Steinkirche gefunden. HAPF/12

Bundesdenkmalamt förderte ein Alemannengrab und Überreste einer Vorgängerkirche zutage.

Bregenz In Bregenz stoßen Baufirmen immer wieder auf Überreste aus dem alten Bregenz. Vor allem im Gebiet am Ölrain sind römische Artefakte und Mauerreste alter Gebäude zu finden. Im Zuge der Renovierung und Restaurierung der im Jahr 1097 erstmals urkundlich erwähnten Stadtpfarrkirche St. Gallus sind steinerne Zeitzeugen der letzten 1000 Jahre und mehr entdeckt worden.

Jeder Zentimeter wird von der Archäologin akribisch untersucht.
Jeder Zentimeter wird von der Archäologin akribisch untersucht.

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Wichtige Zeugnisse der Geschichte

Ungeachtet der durch die denkmalpflegerischen Arbeiten bedingten Verzögerungen sind bei den Verantwortlichen der Pfarre St. Gallus strahlende Gesichter zu sehen. “Die unterirdisch erhaltenen Überreste sind Teil des Baudenkmals und wichtige Zeugnisse der Geschichte – Zeugnisse nicht nur der kirchlichen Baugeschichte, sondern auch der Geschichte der Menschen, die hier gelebt und bestattet wurden”, so Kurt Mathis, PR- und Marketingbeauftragter der Pfarre St. Gallus.

Eine der alten zerstörten Grabplatten.
Eine der alten zerstörten Grabplatten.
Unter den interessierten Beobachtern ist Stadtarchivar Thomas Klagian (2. v. l.).
Unter den interessierten Beobachtern ist Stadtarchivar Thomas Klagian (2. v. l.).

Kleine Kopie der Klosterkirche Mehrerau

Angesichts der unerwarteten Entdeckungen des Bundesdenkmalamtes wird die Freude verständlich. Archäologe Andreas Picker erklärt: “Die aktuellen Ausgrabungen zeigen, dass im Hochmittelalter, um die Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung der Pfarrkirche 1097, eine massive Steinkirche mit Rechteckchor existierte. In einer zweiten romanischen Bauphase wurde diese zu einer dreischiffigen Basilika erweitert. Hier stand also einst eine kleine Kopie der damaligen Klosterkirche der Mehrerau.” Die heutige Länge der Kirche dürfte bereits um 1380 erhalten worden sein. Nach einem Brand im Jahr 1477 erfolgte ein Wiederaufbau im gotischen Stil.

Archäologe Andreas Picker erläuterte die Grabungen und Funde.
Archäologe Andreas Picker erläuterte die Grabungen und Funde.
Hier, teils vom südlichen Chorpfeiler überbaut, liegt das Alemannengrab.
Hier, teils vom südlichen Chorpfeiler überbaut, liegt das Alemannengrab.

Alemannengrab entdeckt

Im Grabungsfeld im Kirchenschiff wurden Gräber mit verzierten Grabplatten entdeckt, die vom späteren Kirchenboden überdeckt waren. Im Bereich des Chors, am südlichen Chorpfeiler, wurde zudem ein Alemannengrab aufgefunden. Picker erklärt: “Es wurde bereits 1937 beim Einbau der Luftheizung vom Landesmuseum aufgrund eines Schwerts als Grabbeigabe entdeckt. Lange Zeit war nicht ganz klar, wo genau es sich befindet. Wir wissen heute, dass der Chorpfeiler ein Teil der Gebeine überdeckt.” Die Alemannen ließen sich bekanntlich ab Mitte des 5. Jahrhunderts zwischen Bodensee und Kummenberg nieder. Um das Jahr 600 kamen die irischen Mönche Kolumban und Gallus ins Land. Sie sollen 610 eine zerstörte Kirche aufgefunden und wieder errichtet haben. Die Unfreundlichkeit, die den beiden Missionaren entgegenschlug, soll sie zu dem Ausspruch von der “concha aurea”, der goldenen Schale, veranlasst haben, in die sich Bregenz zwischen See und Berg schmiegt, die aber voller giftiger Schlangen sei.

Mitarbeitende des Archäologiebüros Talpa bei ihrer Arbeit.
Mitarbeitende des Archäologiebüros Talpa bei ihrer Arbeit.
Andreas Picker mit dem Endoskopiebild der aufgefundenen Gruft.
Andreas Picker mit dem Endoskopiebild der aufgefundenen Gruft.

Begehbare Gruft wiederentdeckt

“Kirchenarchäologie ist durchaus vergleichbar mit detektivischer Arbeit”, erklärt Andreas Picker. Der Archäologe verdeutlicht dies anhand der endoskopischen Untersuchung, mittels der eine vor den Chorstufen errichtete, begehbare Gruft wiederentdeckt wurde. Das von oben sichtbare Ziegelgewölbe entstand im Zuge der Barockisierung der Stadtpfarrkirche 1737/38 und bot Platz für 36 Priestergräber. Aus hygienischen Gründen untersagte Joseph II. (1741–1790) diese Form der Beerdigung in Kirchen, weshalb viele Nischen in der Gruft unbesetzt sind. Picker sagt: “Viele unserer Erkenntnisse sind nur aufgrund der archäologischen Nachforschungen möglich. Die Kombination aus schriftlicher Überlieferung und baulichem Befund erlaubt uns mitunter, die Geschichte neu zu schreiben.”

Die Inschrift weist auf das Entstehungsjahr 1743.
Die Inschrift weist auf das Entstehungsjahr 1743.
Endoskopiebild der wiederentdeckten Gruft.
Endoskopiebild der wiederentdeckten Gruft.

Versierte Archäologinnen im Einsatz

Die Funde in der Stadtpfarrkirche werden akribisch aufgenommen und vom archäologischen Büro Talpa aus Wörgel wissenschaftlich dokumentiert. Das Unternehmen, bestehend aus den drei versierten Archäologinnen Maria Bader, Irene Knoche und Tamara Senfter, war des Öfteren für das Bundesdenkmalamt in Bregenz im Einsatz, um Funde zu dokumentieren. So etwa am Leutbühel, am Ölrain oder im ehemaligen Böckle-Areal an der Josef-Huter-Straße. Reste einer römischen Straße und eines Gebäudes konnten sie auch im Bereich des ehemaligen Landspitals (heute Seniorenheim Weidach) dokumentieren. HAPF

Grabkammern in der Gruft.
Grabkammern in der Gruft.
Archäologische Grabungen in der Stadtpfarrkirche.St. Gallus Bregenz.
Archäologische Grabungen in der Stadtpfarrkirche.St. Gallus Bregenz.