Ganz schön abgefahren

Heimat / 30.12.2021 • 19:06 Uhr
Motor, Getriebe und Kupplung wurden komplett zerlegt.
Motor, Getriebe und Kupplung wurden komplett zerlegt.

In der Postbus-Werkstatt schraubt der Mechanikernachwuchs derzeit nicht nur an Bussen.

Wolfurt Bei Seid Sačić (22) und Mathias Kusché (21) landen normalerweise die ganz dicken Brummer. Die beiden reparieren und warten in der ÖBB-Postbus-Werkstatt am Wolfurter Güterbahnhof die Vorarlberger Land-, Stadt- und Ortsbusse. Derzeit fahren die passionierten Schrauber allerdings auch noch auf ein deutlich kleineres Fahrzeug ab.

Mathias ist im zweiten Lehrjahr zum Kraftfahrzeugtechniker, davor war er in der Handelsschule. Seid, der bereits ausgebildeter Land- und Forstwirt ist und morgens vor der Arbeit in der Werkstatt zwei Stunden einen Linienbus steuert, hat die Lehre zum Kraftfahrzeugtechniker und System­elektroniker vor Kurzem abgeschlossen. Im Zuge eines bundesländer­übergreifenden Projekts restaurieren sie mit vier weiteren ÖBB-Postbus-Lehrlingen aus Tirol, Vorarlberg und Salzburg unter Anleitung ihrer Ausbildner einen Puch 500, Baujahr 1971. „Ich habe von dem Auto davor noch nie etwas gehört. Als ich es gesehen habe, dachte ich, okay, es sieht eigentlich aus wie ein Fiat 500“, merkt der Dornbirner Mathias Kusché mit einem Schmunzeln an.

60.000 Stück

Der erste Puch 500 wurde 1957 aus der Taufe gehoben. Bis 1973 liefen in Graz rund 60.000 Stück des österreichischen „Volkswagens“ vom Band. Die Rohkarosserie wurde aus Kostengründen vom Fiat 500 (Cinquecento) übernommen, der Rest von Steyr selbst konzipiert. Inzwischen hat das „Pucherl“, das mit luftgekühltem Boxermotor statt Reihenmotor und vollsynchronisiertem Getriebe zu überzeugen wusste, längst Kultstatus erreicht.

In einem ersten Schritt wurden die Bauteile des äußerst kompakten Dreitürers untereinander aufgeteilt. Die Vorarlberger Lehrlinge (neben Seid Sačić und Mathias Kusché ist mit Eva Hartmann auch ein Mädchen im Team) sind für den Motor, die Kupplung und das Getriebe zuständig. Seit wenigen Tagen geht es ans Eingemachte. In eineinhalb Tagen wurden die Herzstücke eines jeden Autos komplett zerlegt. „Es ist eine großartige Sache, weil es heutzutage nicht mehr üblich ist, dass die Lehrlinge einen Motor oder ein Getriebe zerlegen, das Ganze anschließend bei der Instandsetzung begleiten, zusammenbauen und selbst wieder einbauen“, unterstreicht der Wolfurter Werkstattleiter und Projektkoordinator Helmut Hopfner.

Auf einem Biertisch neben den Hebebühnen wurden die einzelnen Teile feinsäuberlich aufgereiht. Zylinder, Kolbenringe, Lager, Kurbelwelle, Ventile, Vergaser, Zündanlage, Abdichtungen. „Es macht einfach eine Freude, wenn etwas kaputt reinkommt und ich es dann gerichtet habe. Jedes Mal, wenn ein Bus fährt, denke ich, da haben wir das und das gemacht und es funktioniert“, schwärmt Seid Sačić. Der 22-Jährige ist privat bislang mit dem Auto seines Papas unterwegs. Was sein Traumauto wäre? „Na so was. Das ist Kult“, sagt der 1,95 Meter große Götzner, zeigt auf die Motor-, Getriebe- und Kupplungsteile des Puch und lacht: „Ich baue einfach die vordere Sitzbank aus und sitze auf die hintere Sitzbank.“

Laut ÖBB ist es das erste Mal, dass ein Lehrlingsprojekt bundesländerübergreifend durchgeführt wird. Geplant ist, dass das „Pucherl“ bis Mai fachgerecht restauriert und instandgesetzt ist und somit wieder fast wie neu aussieht. Der Erlös aus dem Verkauf soll einem guten Zweck zugutekommen. vn-ger

Als die ÖBB-Postbus-Lehrlinge auf die Welt kamen, hatte der putzige Puch 500 schon über 25 Jahre auf dem Buckel. VN/Steurer, ÖBB
Als die ÖBB-Postbus-Lehrlinge auf die Welt kamen, hatte der putzige Puch 500 schon über 25 Jahre auf dem Buckel. VN/Steurer, ÖBB
Ganz schön abgefahren