Frauen wehren sich gegen Nerd-Klischee

Laut einer Expertise braucht es mehr weibliche Vorbilder und positive Rollenmodelle.
MINT-FÄCHER Der Frauenanteil unter den MINT-Studierenden ist in Mitteleuropa mit rund 30 Prozent im internationalen Vergleich recht niedrig. Noch vielsagender sei der Anteil der weiblichen Beschäftigten in MINT-Berufen – er betrage gerade einmal ein Sechstel, teilt die Uni Ulm mit. Schuld daran sei das Nerd-Klischee sowie nach wie vor gängige Stereotypen sowie Rollen- und Berufsbilder. Zu diesem Schluss kommt Dr. Yves Jeanrenaud, Gastprofessor für Geschlechterforschung an der Universität Ulm, in einer Expertise. Um mehr Frauen für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) begeistern zu können, brauche es vor allem „mehr weibliche Vorbilder und positive Rollenmodelle.“
Falsche Einschätzungen
„Berufsbilder wie Ingenieur oder Informatiker sind noch immer männlich konnotiert. Insbesondere klischeehafte Rollenbilder wie die des Nerds werden so gut wie ausschließlich für junge Männer gebraucht. Viele Frauen fürchten sich davor, von ihrer Weiblichkeit einzubüßen, wenn sie sich auf dieses männlich besetzte Terrain vorwagen. Sie entscheiden sich dann nicht selten gegen ein Informatik-Studium, obwohl sie ein gewisses Interesse dafür durchaus mitbringen“, erklärt der Geschlechterforscher.
Einen weiteren Gender-Effekt sieht Jeanrenaud im sogenannten MINT-Fähigkeitsselbstkonzept, das dazu führt, dass Mädchen ihre Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften ganz anders einschätzen als Jungen, selbst wenn diese gleich ausgeprägt sind. Außerdem orientierten sich Mädchen beziehungsweise Frauen bei der Berufswahl oft noch an bestimmten sozialen Mustern und wünschten sich berufliche Tätigkeiten, bei denen sie mit anderen Menschen zu tun oder das Gefühl haben, etwas Sinnstiftendes zu tun. Vielen MINT-Berufen hafte allerdings noch immer das Image der isolierten Beschäftigung mit Dingen statt mit Menschen an. Dazu kommt, dass viele Schülerinnen nur vage oder gar keine Vorstellungen von vielen Technikberufen hätten.
Weibliche Vorbilder
Der Ulmer Soziologe hält es daher für ratsam, die gesellschaftliche Bedeutung solcher Berufe stärker hervorzuheben und auch zu hinterfragen, ob nicht vielleicht auch sehr männlich geprägte Fachkulturen oder ein bestimmter Berufshabitus eine abschreckende Wirkung auf Frauen habe. Neben Eltern und Lehrkräften, die einen großen Einfluss darauf hätten, welchen Weg die Kinder später einmal beruflich einschlagen, seien vor allem positive Rollenmodelle wichtig, die Mädchen darin bestärkten, MINT-Interessen zu entwickeln und selbstbewusst nachzugehen.
„Wir brauchen hier auf jeden Fall mehr weibliche Vorbilder und positive Rollenmodelle!“, fordert Jeanrenaud. Das müssten keine Superheldinnen sein, wie die schwedische Hackerin Lisbeth Salander (Millennium-Trilogie), und auch keine Mathegenies. Nach Meinung des MINT-Experten wird Mathematik im Informatikstudium mitunter überbetont. „Wir müssen gerade auch die normal begabten Schülerinnen für ein Informatik- oder Technikstudium begeistern“, so der Genderforscher. Immerhin steigen die Frauenanteile in MINT-Studiengängen und -berufen dank umfangreicher Fördermaßnahmen vonseiten der Politik, der Wirtschaft und der Bildungsträger kontinuierlich an, doch bleiben die Zahlen teils noch immer weit unter den Erwartungen.
„Wir müssen gerade auch die normal begabten Schülerinnen für ein Informatik- oder Technikstudium begeistern.“
