Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Des Guten zu viel

Gesund / 15.09.2023 • 09:48 Uhr

Burn-out? Kennen wir. Es beschreibt eine chronische Überforderung. Bore-out? Noch nicht so populär, aber offenbar auch zunehmend ein Problem. Unterforderung, die überfordert. Dann wäre da noch die sogenannte Compassion fatigue oder auf gut deutsch Mitgefühlsmüdigkeit. Ich hatte, zugegebenermaßen, bis unlängst noch nie davon gehört. Dabei soll es viele Menschen geben, die vor lauter Empathie gegenüber anderen plötzlich nicht mehr können. Betroffen von diesem Phänomen sind besonders Mitarbeitende in pflegenden und helfenden Berufen. Sie kommen an einen Punkt, an dem sie des Leids der anderen schlichtweg überdrüssig werden. Am Ende steht eine veritable persönliche Krise, aus der nur professionelle Hilfe wieder hinausführt und die Erkenntnis, dass es bei aller Liebe zum Job auch Grenzen geben muss. Selbstfürsorge nennt sich das. Ähnlich verhält es sich mit dem Helfersyndrom. Dabei schaden die Helfenden nicht nur sich selbst, sondern zuweilen auch demjenigen, dem sie helfen. Er empfindet die ständige Fürsorge als lästig, weil sie ihm jedes Bemühen abspricht, selbst etwas zur Besserung seines Zustands beizutragen.

Es gilt wohl, kurz gesagt, die richtige Balance in diesem System zu finden. Das ist, ich weiß, leichter gesagt als getan und eine Entscheidung, die jeder selbst treffen muss. Sich bis zur Selbstaufgabe für andere einzusetzen hilft letztlich aber auch niemandem. Der verstorbene britische Astrophysiker Stephen Hawking meinte weiland, dass nur Empathie das Überleben der Menschheit sichert. Mitunter scheint jedoch selbst Gutes des Guten zu viel.

Marlies Mohr

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