Kindliche Hirntumore als Herausforderung

Forschende aus Vorarlberg etablierten an MedUni Wien vielversprechende Diagnosemethode.
Wien, Bregenz, Götzis Kleines Land, großer Forschergeist: Immer wieder machen Vorarlberger im Zusammenhang mit medizinischen Entwicklungen auch international von sich reden. In diesem Fall sind es die Biologin Sibylle Madlener (44) und der Kinderonkologe Johannes Gojo (37). Sie ist gebürtig aus Götzis, er aus Bregenz. Beide arbeiten an der MedUni Wien, dem größten Zentrum in Österreich für die Behandlung von kindlichen Hirntumoren. Gemeinsam haben sie zwei neue und vielversprechende Methoden zur Verbesserung der Diagnostik auf den Weg gebracht. Wenige Milliliter Blut bzw. Hirnflüssigkeit reichen demnach aus, um eine Diagnose zu stellen, den Verlauf der Tumorerkrankung zu beobachten oder das Vorhandensein eines für die Prognose ungünstigen Markers zu detektieren.
Belastende Bildgebung
Damit könnten die zeitaufwendigen und sehr belastenden bildgebenden Verfahren, die bei kleinen Kindern oft nur unter Vollnarkose möglich sind, bald der Vergangenheit angehören bzw. deutlich reduziert werden, zumal jede Narkose ein Risiko beinhaltet. Die Studienergebnisse wurden unlängst in den Fachjournalen „Acta Neuropathologica“ und „Cancers“ veröffentlicht. Nun soll die Bestätigung in klinischen Studien folgen. Ziel ist es, die neuen Erkenntnisse international auszurollen. „Wir möchten, dass sie von Instituten und Referenzkliniken übernommen werden, damit alle bezüglich Analyse und Diagnostik an einem Strang ziehen“, erklärt Sibylle Madlener im VN-Gespräch.
Schnellere Auswertung
Hirntumore zählen zu den häufigsten bösartigen Erkrankungen bei Kindern und verursachen auch die meisten Todesfälle in dieser Altersgruppe. Deshalb machte sich ein Forscherteam um Johannes Gojo auf die Suche nach besseren Therapiemöglichkeiten. Im Fokus standen der vor allem im Kleinkindalter vorkommende „Embryonale Tumor mit mehrschichtigen Rosetten“ (ETMR) und eine besonders aggressive Form des Medulloblastoms (MB). „Wir behandeln Patienten bis nach Vorarlberg und über Österreich hinaus“, berichtet Johannes Gojo und hat auch eine positive Nachricht: “Wir können heute schon vier von fünf Kindern mit Hirntumoren heilen.”
Er und sein Team wollen modernste Medizin für betroffene Kinder verfügbar machen. Gerade mit Hilfe der Präzisionsonkologie sei oft viel möglich. Die Forschungsarbeit zielt darauf ab, nicht nur im Tumor, sondern schon vorher, nämlich im Blut bzw. in der Gehirnflüssigkeit aussagekräftige Marker aufzuspüren, denn: „Können wir solche bereits im Blut früh nachweisen, können wir engmaschiger untersuchen und verfolgen, ob die Behandlung anspricht.“ Für die Verlaufskontrolle stand dem Labor das Blut von 10 Patienten zur Verfügung. „Wir konnten sehen, wie hoch der Marker vor und nach der Operation war“, erläutert Sibylle Madlener. So war das sogenannte 517-mikro-RNA-Molekül, das eine wichtige Rolle in der Regulation von Genen spielt und bei Kindern mit ETMR stark verändert ist, nach einem erfolgreichen Eingriff deutlich reduziert. Bei der Entwicklung eines neuen Tumors stieg es wieder an. „Das ist spezifisch für diese Art von Tumor“, konkretisiert Madlener.
Mit der Markerbestimmung im Blut oder in der Gehirnflüssigkeit geht auch die Auswertung des Tumormaterials schneller. Die Biologin spricht von einem Zeitrahmen von maximal drei bis vier Stunden. Um neue Methoden zur verbesserten Diagnose und Therapie bei MB zu erforschen, untersuchte das Team Hirnflüssigkeit von betroffenen Kindern. Weisen diese Flüssigbiopsien vermehrt MYC auf, ein Gen, das Zellteilung und Zellwachstum reguliert, handelt es sich um eine besonders aggressive Form. Folgestudien sollen nun Aufschluss darüber bringen, ob sich auch das Ansprechen auf die Therapie mit dieser Methode beurteilen lässt.
Während das St. Anna-Kinderspital und die St. Anna-Kinderkrebsforschung kindliche Leukämien und andere Tumorarten behandeln bzw. beforschen, werden an der Neuroonkologie der MedUni Wien ausschließlich Kinder mit Gehirntumoren therapiert. “Die Betreuung dieser Patienten erfordert ein hochspezialisiertes interdisziplinäres Team”, sagt Johannes Gojo. Trotz medizinischer Fortschritte gibt es immer noch kindliche Hirntumore mit einer sehr schlechten Prognose. „Da etwas zu finden, motiviert uns.“ In der Forschung müsse man oft viel überdenken und probieren, aber: „Es macht Spaß, wenn man sieht, dass etwas funktioniert hat, und man das an Patienten weitergeben kann.“ Nützt es einem Patienten nichts mehr, profitieren vielleicht andere. Diese Meinung würden auch Eltern vertreten. „Alle sind damit einverstanden, dass wir forschen“, stellt Johannes Gojo dankbar fest.
Spendenfinanzierte Forschung
So sind etwa zur Behandlung von Hautkrebs zugelassene Therapien jetzt bei Kindern mit Hirntumoren im Einsatz. „Durch die Forschung werden solche Prozesse vorangetrieben“, betont Gojo. Das Budget dafür ist jedoch knapp. Umso wichtiger sind Kooperationen, wie beispielsweise mit Harvard. Das Problem bei seltenen Tumoren sind die wenigen Fälle. Um dennoch etwas tun zu können, wurde der spendenfinanzierte Forschungsverein für zerebrale Gehirntumore bei Kindern gegründet. „Damit können wir viel machen“, so Madlener und Gojo, und sie bekräftigen: „Das gesamte Geld kommt direkt der Forschung für Kinder zugute.“ VN-MM

Spendenkonto
Forschungsgesellschaft für cerebrale Tumore
Spendenkonto: UniCredit Bank Austria; IBAN: AT48 1200 0004 6900 1002; BIC: BKAUATWW
Die Spende ist steuerlich absetzbar (Reg.Nr. FW-1717)