Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Traditionen

Gesund / 31.03.2023 • 10:49 Uhr

Das einst satte Grün ist einem fahlen Braun gewichen. Nähme ich das kleine Gebinde in die Hände, würde es vermutlich mir nichts dir nichts zerbröseln wie ein steinhart gewordenes Brötchen. Es wäre nicht verwunderlich. Immerhin haben die Zweige aus der Gattung der Thujen, auch gerne als Lebensbäume bezeichnet, schon zwei Palmsonntage überdauert, und vermutlich hat sich der ihnen nach dem kirchlichen Segen zugeschriebene Schutzmantel für Haus und Hof inzwischen ebenfalls verflüchtigt. Es ist also an der Zeit, sich frisch Geweihtes zuzulegen. Man hängt ja trotz allem an Traditionen, die von klein auf gepflegt wurden. Sie sind so etwas wie ein Anker in den Strudeln des Lebens. Etwas, an dem jeder irgendwie hängt, selbst wenn er das nicht immer zugibt.

Ich erinnere mich gerne daran, wie stolz wir als Kinder am Palmsonntag dicke Buschen in die Kirche trugen, die von Palmkätzchen über Stechlaub bis hin zu rotbackigen Äpfeln alles enthielten, was einen schönen Palmbusch ausmachte. Nach dem Kirchgang marschierten wir dann ebenso stolz nach Hause. Immerhin drei Kilometer. Mit dem ganzen Busch kamen wir dort aber nie an, denn ständig baten uns Leute um einen Zweig. Meist ältere Menschen, denen der Kirchgang möglicherweise zu beschwerlich war. Ich weiß es nicht, jedenfalls durften wir Kinder im Gegenzug ein paar Schilling einsacken. Wer hätte da nicht Nächstenliebe walten lassen. Heute würde man überkandidelt von einer Win-win-Situation reden. Wir hatten einfach nur Freude an ein bisschen Taschengeld.

Marlies Mohr

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