Kindheit prägt das Elternsein

Gesund / 09.12.2022 • 11:40 Uhr
Kinder haben ein Bindungsbedürfnis, gleichzeitig möchten sie entdecken.voki
Kinder haben ein Bindungsbedürfnis, gleichzeitig möchten sie entdecken.voki

Eltern geben eigene Beziehungserfahrungen an ihren Nachwuchs weiter.

Bregenz Eltern geben eigene Beziehungserfahrungen an ihre Kinder weiter – sowohl positive als auch negative. Wie wir Stärkendes aktivieren und „Geister der Vergangenheit“ loswerden können, erklärte Bindungsforscherin Antonia Dinzinger in der Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs. Jedes Baby kommt laut der Psychologin mit einem Bindungsbedürfnis auf die Welt. „Bindung ist das gefühlstragende Band zu einer Person, die größer, klüger, stärker ist. Das Bedürfnis danach ist im Genotypus verankert.“ Neben dem Bedürfnis, sich zu binden, haben Kinder aber auch den Drang, die Welt zu entdecken.

Wie auf einer Wippe

Im optimalen Fall halten sich Bindungs- und Explorationsverhalten die Waage. „Mal wollen Kinder Nähe, mal sind sie auf Welterkundung unterwegs – wie auf einer Wippe“, erklärte Dinzinger, die am Institut für „Early Life Care“ in Salzburg forscht. „Ein Kind, das Angst hat, kann nicht explorieren. Je sicherer ein Kind gebunden ist, desto ausgewogener ist das Verhältnis von Bindungs- und Erforschungsbedürfnis.“ Ausführlich erläuterte sie, wie eigene Beziehungserfahrungen in sogenannten „Bindungsrepräsentationen“ beim Kind münden, dessen Bindungsverhalten als „sicher“, „unsicher“ und „desorganisiert“ eingestuft wird. Die Bandbreite reiche von Kindern, die nur am Rockzipfel der Mama hängen, bis zu jenen, die ständig am Ausprobieren und Erkunden sind. „Fast immer jedoch ist von allen Bindungstypen was dabei“, betonte Antonia Dinzinger.

 Die Forschung hat einen großen Zusammenhang im Beziehungsverhalten des Kindes und jenem der Bezugspersonen erkannt. So gehen sicher-autonome Eltern feinfühlig mit ihrem Nachwuchs um, sie bieten Trost, lassen das Kind auch negative Gefühle zeigen und selbstständig Erfahrungen machen. Sehr auf Nähe fokussierte Erwachsene hingegen haben Schwierigkeiten, sich auch nur für kurze Zeit von ihren Kindern zu trennen und unterbinden jegliche Autonomiebestrebungen. Am anderen Pol bewegen sich Eltern, die ihr Kind emotional zurückweisen, seine Gefühle nicht wahrnehmen und nicht angemessen auf die Signale ihres Babys reagieren können. Aufarbeitung braucht es laut der Expertin vor allem dann, wenn Eltern in der Beziehung zu ihrem Kind völlig überfordert sind und die emotionale Fürsorge auf der Strecke bleibt. „Es ist wichtig, konkrete Handlungsstrategien für sehr belastende Situationen auszuarbeiten.“

Trigger identifizieren

All unsere Erfahrungen als Kind beeinflussen, wie wir als Eltern handeln. Das machte Dinzinger in ihrem Vortrag deutlich. „Stärkende Erfahrungen dienen als Ressourcen und negative triggern als Geister der Vergangenheit unser Verhalten und Erleben im Hier und Jetzt.“

Um die Weitergabe negativer Erfahrungen zu stoppen, gelte es, die eigenen Trigger zu identifizieren. „Wir müssen uns der Stressauslöser bewusst werden, um unser Verhalten verstehen und ändern zu können.“ Ebenso wichtig sei es, Ressourcen auszumachen: „Welche Personen haben uns als Kind bestärkt und ermutigt? Wer war wichtig außer den Eltern? Solche Perspektivengeber irgendwann im Leben und damit alternative Bindungserfahrungen können im Endeffekt den großen Unterschied machen.“

Erfolge würden auch erzielt, indem die Feinfühligkeit im elterlichen Umgang mit dem Baby trainiert wird. Als größten Konkurrenten in der elterlichen Aufmerksamkeit machte Antonia Dinzinger das Handy fest. „Es kommt zu einer Unterbrechung des liebevollen Blickkontakts und prägende Momente, in denen Bindung entsteht, werden verpasst, etwa der vorbeifliegende Schmetterling, auf den Kind und Eltern gemeinsam begeistert reagieren.“

Die Vorträge aus der Reihe
Die Vorträge aus der Reihe “Wertvolle Kinder” sind nach wie vor gefragt, wie die erste Veranstaltung zeigte. 

Der Vortrag kann in der Mediathek des Vorarlberger Kinderdorfs auf www.vorarlberger-kinderdorf.at nachgehört werden.