Niere gegen Niere getauscht

Gesund / 11.03.2022 • 11:04 Uhr
Das Warten auf eine Spenderniere bedeutet für Betroffene meist auch eine Dialysebehandlung.khnbg
Das Warten auf eine Spenderniere bedeutet für Betroffene meist auch eine Dialysebehandlung.khnbg

Überkreuz-Lebendspende erstmals bei zwei Paaren aus Vorarlberg durchgeführt.

Feldkirch, Innsbruck Erstmals in der Transplantationsgeschichte Vorarlbergs hat es im Herbst 2021 einen Treffer für eine sogenannte „Überkreuz-Nierenlebendspende“ für zwei Paare aus Vorarlberg gegeben. Dabei konnte zwei nierenkranken Frauen erfolgreich die gesunde Niere des jeweils anderen Ehemannes transplantiert werden. Ein seltener Glücksfall. Ein Team der Abteilung „Nephrologie und Dialyse“ am Landeskrankenhaus Feldkirch hat die Paare medizinisch vor- und nachbetreut. Die Eingriffe selbst sind bei beiden Paaren zeitgleich am Transplantationszentrum der Uniklinik Innsbruck durchgeführt worden. Allen vier Beteiligten geht es heute gesundheitlich gut. Die Paare haben sich nie kennengelernt, denn eine Überkreuz-Spende, international „Crossover“ genannt, wird in Österreich anonym durchgeführt.

Die durchschnittliche Wartezeit für eine Niere beträgt in Vorarlberg rund drei bis vier Jahre. Derzeit warten knapp 40 Personen auf eine Spenderniere, transplantiert werden pro Jahr etwa 15. Durch eine Lebendspende eines gesunden Menschen kann diese Wartezeit verkürzt werden. Bis sie Organe erhalten, übernimmt die Dialyse die Aufgabe der erkrankten Nieren, und das Blut wird maschinell gereinigt. „Wenn bei uns Patienten in der Ambulanz betreut werden, von denen wir wissen, dass sie bald dialysepflichtig werden, machen wir sie darauf aufmerksam, dass die Transplantation eine Möglichkeit der Nierenersatztherapie ist. Es ist unserer Erfahrung nach sogar die beste Möglichkeit für jene, die körperlich dafür geeignet sind“, erklärt Nephrologin Hannelore Sprenger-Mähr.

In Vorarlberg erhalten im Durchschnitt zwei bis fünf Menschen pro Jahr eine Niere von Lebendspendern aus ihrem persönlichen Umfeld. Am häufigsten finden Lebendspenden zwischen Ehepartnern, Geschwistern sowie zwischen Eltern und ihren Kindern statt. Häufigste Ursachen für einen ernsten Nierenschaden bei jüngeren Menschen sind chronische Entzündungen und angeborene Nierenerkrankungen, bei älteren Menschen überwiegen Bluthochdruck und Diabetes.

Gesundheit vor Alter

Nicht jeder Mensch ist automatisch für eine Transplantation geeignet, das Alter spielt dabei aber nicht die entscheidende Rolle. „Es gibt gewisse medizinische Kriterien, die Patienten erfüllen müssen, um auf die Warteliste für Spendernieren aufgenommen zu werden. Egal ob sie 70 oder 20 Jahre alt sind“, erklärt Sprenger-Mähr: „Von unseren Dialysepatienten am LKH Feldkirch sind maximal 25 bis 30 Prozent für eine Transplantation geeignet. Eine weitere Voraussetzung für eine Transplantation ist, dass das Gewebe von Spender und Empfänger immunologisch zusammenpasst. Ist eine direkte Lebendspende nicht möglich oder sehr schwierig, gibt es die Möglichkeit der „Überkreuz-Spende“ (crossover) bzw. des „Nierenaustauschs“ (kidney paired donation). Diese freiwillige Option des Nierenaustauschs wird in vielen Ländern weltweit angeboten, auch Österreich hat vor rund zehn Jahren mit einem eigenen Programm begonnen. Für eine Nierenaustausch-Spende gelten dieselben gesetzlichen Regelungen wie für eine Lebendspende unter Familienmitgliedern oder Freunden. Über allem stehen auch hier Freiwilligkeit, Volljährigkeit und die Bereitschaft, sich ausführlich beraten und medizinisch betreuen zu lassen.

2020 haben sich erstmals Vorarlberger Paare aus Patienten und Spendern auf diese Liste setzen lassen. Sie nehmen damit an einem Programm teil, das immunologisch passende Kombinationen unter den gelisteten Teilnehmern computergesteuert herausfiltert. Bei einem Treffer geht die gespendete Niere dann nicht an die nahestehende Person, sondern an einen fremden Empfänger eines weiteren Paares auf der Liste, dessen Gewebe untereinander ebenfalls nicht zusammengepasst hat. Im Gegenzug bekommt das erste Paar die Niere eines anderen Spenders: „Das kann ein direkter Austausch zwischen zwei Paaren sein, es können aber auch Organe in größeren Gruppen ausgetauscht werden. Das prominenteste Beispiel ist ein Austausch von 30 Nieren in einer Gruppe von 60 Menschen in den USA“, berichtet die Oberärztin. Die Operationen der Überkreuz-Paare finden möglichst zeitgleich statt, um für alle die gleichen Bedingungen zu schaffen.

Gute Lebensqualität

Die beiden Ehepaare, bei denen im September 2021 erstmals in Vorarlberg eine Überkreuz-Lebendspende durchgeführt worden ist, hatten das Glück, dass neben der Übereinstimmung ihrer Gewebsmerkmale und immunologischen Eigenschaften auch noch das Alter vergleichbar war: „Alle vier waren der Überkreuz-Spende gegenüber sehr aufgeschlossen. Es ist doch ein großer Schritt, einem anderen Menschen ein Organ zu spenden – in diesem Fall sogar jemandem, den man gar nicht kennt!“ Heute, ein paar Monate später, geht es allen gesundheitlich gut.

„Nicht jeder Mensch ist automatisch für eine Transplantation geeignet.“