Tiefe Stunde
Behutsam streift der neue Morgen die Dämmerung ab. Von den Bergen lugt der erste Schnee, und aus Schornsteinen kriecht Rauch, der nach Wärme schmeckt. Über dem Horizont bauscht sich eine dicke Nebelbank. Doch sie sollte an diesem Tag keine Chance haben, den Himmel zu verdunkeln. Unter meinen Schuhen brechen gefrorene Halme und Gräser, der Atem steigt in kleinen Wölkchen in die kalte Luft. Das ist meine „tiefe Stunde“. Da bin ich mit mir allein. Zumindest fast. Ab und an ruckelt die Leine, weil sich der Hund wieder irgendwo festgeschnuppert hat. Die kurzen Unterbrechungen stören jedoch nicht. Es geht ja meist rasch weiter. Schon sind Körper und Geist wieder in diesem trägen Flow, der für den Moment alles ausblendet, was nicht wichtig erscheint. Stattdessen nur Augenblicke speichert, die sich zu schönen Erinnerungen vernetzen.
Vielleicht haben auch Sie unlängst in „Vorarlberg live“ den Neurologen und Psychologen Volker Busch gehört. Er hat uns diese eine tiefe Stunde ans Herz gelegt, die sich jeder einmal im Tag gönnen und dabei nur auf eine einzige Sache konzentriert sein sollte. Kein Handy, kein Tablet, keine sonstigen Informationsquellen, die unser Gehirn sowieso ständig zum Überlaufen bringen. Worauf der Fokus gelegt wird, ist demnach egal. Es geht einzig darum, sich von nichts und niemandem ablenken zu lassen, denn: „Wenn wir aufmerksam sind, sind wir bei fast allem gut und erfolgreich“, betonte Busch. Allein schon das spricht für eine „tiefe Stunde“. Ich hol‘ sie mir draußen. Probieren Sie’s auch. Es hat etwas.
Marlies Mohr
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