Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

90 Cent

Gesund / 01.10.2021 • 11:16 Uhr

Wien an einem Mittwochabend im September. Wir sitzen im Gastgarten einer Pizzeria. Auf der Straße daneben flutet unaufhörlich der Verkehr. Passanten eilen vorbei. Die Lokale rundherum sind voll mit fröhlichen Menschen. Wir sind auch ins Gespräch vertieft – man hat sich schon länger nicht mehr gesehen – als plötzlich ein Mann an unserem Tisch stehenbleibt. Er wirkt müde, und in seinem Gesicht steht Hoffnungslosigkeit.

„Könnten Sie mir mit 90 Cent helfen?“, fragt er leise, beinahe schüchtern. Es scheint ihm schwerzufallen. Wir schauen uns an. Nicht, weil da jemand steht und offenbar dringend Geld benötigt. Es ist vielmehr die Summe, die uns erstaunt. 90 Cent? Was kann ein Mensch mit 90 Cent ausrichten? Gut, über den ganzen Tag verteilt summieren sich auch 90 Cent, aber irgendwie erweckt er nicht den Eindruck, als ob er mit dieser Masche bewusst hausieren gehen würde.

Wir kramen also in unseren Geldbörsen, und schließlich hält der Mann ein paar Münzen mehr als die gewünschten 90 Cent in der Hand. „Das ist zu viel“, sagt er beschämt und will sie wieder zurückgeben. Wir winken ab, und er beginnt unter Tränen zu erzählen. Von seiner polnischen Heimat, in die er wegen der politischen Lage nicht mehr zurückkehren will. Von der Schwierigkeit, ohne Hab und Gut in einem fremden Land neu anzufangen. Ein Schicksal, von dem es noch viele gibt, nicht nur in einer Großstadt wie Wien.

Nachdem er sich höflich verabschiedet hat, verschwindet der Mann in einem dunklen Hauseingang. Wir rätseln noch länger über die 90 Cent, finden aber keine wirkliche Erklärung. Was bleibt ist Betroffenheit, aber auch die Erkenntnis, wie nah um uns herum Armut und Elend tatsächlich sind. Etwas, das wir wohl viel zu oft aus dem Blick verlieren.

Marlies Mohr

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