Der Sommer und die Seele

Gesund / 06.08.2021 • 10:32 Uhr
Der Urlaub bedeutet, so absurd es vielleicht klingen mag, für manche Menschen auch enormen Stress.afp
Der Urlaub bedeutet, so absurd es vielleicht klingen mag, für manche Menschen auch enormen Stress.afp

Sommerdepressionen sind selten, aber nicht zu unterschätzen.

Rankweil Graz Licht, Leichtigkeit, Sonne, Meer, Urlaub: Voraussetzungen, die eigentlich auch dem Seelenleben zuträglich sein sollten. Sind sie aber nicht, zumindest nicht immer. Allerdings ist die Som-
merdepression, weil eher selten, ein verkanntes Problem. „Sie wird tatsächlich oft übersehen“, bestätigt Primar Jan Di Pauli, Chefarzt des Landeskrankenhauses Rankweil. Oft werde nur nach Gründen oder Erklärungen für die Missstimmung gesucht. Dabei können die Ausprägungen ähnlich stark sein wie jene einer saisonal abhängigen Depression (SAD), die meist im Winter auftritt. Diese ist im Gegensatz zur Sommerdepression jedoch bekannt, gut erforscht und es sind effektive Behandlungsmöglichkeiten wie die Lichttherapie verfügbar.

Unterschiedliche Symptome

Unterschiede bestehen auch in der Symptomatik. Während die Winterdepression mit einem hohen Schlafbedürfnis und einem gesteigerten Appetit einhergeht, ist es bei der Sommerdepression genau umgekehrt. „Sie führt zu innerer Unruhe, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit“, listet Jan Di Pauli auf. Gemeinsam ist beiden die gedrückte Stimmung, die Betroffene befällt. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung kämpfen im Winter mit einer saisonal abhängigen Depression, im Sommer wird der Anteil auf ein bis zwei Prozent geschätzt. Eine SAD tritt häufig zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf, die Sommerdepression oft schon früher, wobei Frauen laut Di Pauli anfälliger für jahreszeitliche seelische Verstimmungen sind.

Wichtiger Botenstoff

Wie aus einer aktuelle Untersuchung der Med Uni Graz hervorgeht, fühlen sich Menschen, die im Sommer mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, oft unverstanden und wenig ernstgenommen, da man sich im Sommer „ja eigentlich besser fühlen sollte als sonst“. Als mögliche Ursache für sommerliche Verstimmungen wird die Melatoninproduktion des Körpers gehandelt. Melatonin ist ein wichtiger Botenstoff, der den Schlaf-Wach-Rhythmus regelt. Ausgeschüttet wird das Hormon aus der Zirbeldrüse im Gehirn, wenn es dunkler wird – in Folge werden wir müder und schlafen ein. Sind die Tage im Sommer länger und strahlt die Sonne heller, könnte es zu Störungen bei der Produktion und/oder Ausschüttung des Hormons kommen. Dies führt zu innerer Unruhe, könnte aber auch andere chemische Prozesse beeinflussen, die zu einer echten Depression führen.

Anzeichen beachten

Anzeichen einer Sommerdepression sollten deshalb beachtet und gegebenenfalls medizinisch abgeklärt werden. „Treten die Symptome zweimal hintereinander im Sommer auf und dazwischen ist nichts, ist die Konsultation eines Arztes zu empfehlen“, sagt Primar Di Pauli. Die Therapie verläuft ident mit anderen depressiven Störungen, wobei das Ausmaß von der Ausprägung abhängt. Neben Antidepressiva wird bei leichten Formen auf Gesprächstherapie und psychologische Behandlung gesetzt. Es geht darum, Patienten zu unterstützen, ihren Tagesablauf zu strukturieren und auch körperliche Aktivitäten aufrechtzuerhalten. VN-MM

„Gemeinsam ist der Sommer- und Winterdepression die gedrückte Stimmung.“