Angst vor dem Leben

Gesund / 30.07.2021 • 10:43 Uhr

Corona hat auch zu einer Zunahme von Neurosen geführt.

Feldkirch Die Coronapandemie hat an vielen Pfeilern des Lebens gerüttelt, so auch an den seelischen. Als eine Folge davon haben Angststörungen zugenommen. „Wir verzeichnen vermehrt Neuanfragen“, bestätigt Julia Kanig, Klinische Sozialarbeiterin bei pro mente. Vor allem existenzielle Probleme durch Kurzarbeit, Jobverlust und die Abhängigkeit von Sozialhilfe und Spenden sorgen laut Kanig für leichte Angstepisoden. In diesen Fällen lässt sich oft durch familiäre und soziale Unterstützung wieder eine Sicherheit aufbauen. Allerdings gibt es auch Betroffene, die jahrelang zuwarten, bis sie professionelle Hilfe suchen. „Kann sich eine Angststörung über eine lange Zeit manifestieren, ist eine Zuweisung zum Facharzt erforderlich“, erklärt Julia Kanig und appelliert, frühzeitig gegenzusteuern.

Negative Erfahrungen

Angststörungen zählen zum Spektrum psychischer Erkrankungen und gehören zur Gruppe der Neurosen bzw. sind neurotische Störungen. Ausgelöst werden sie vornehmlich durch negative Erfahrungen, die sich beispielsweise auf emotionaler, motorischer und kognitiver Ebene abspielen können. „Das führt dann zu einer körperlichen Erregung wie Schweißausbrüchen oder Herzklopfen“, erläutert Julia Kanig. Wichtig in diesem Zusammenhang sei die Dauer einer solchen Episode: „Ist das einmalig, schon mehrmals vorgekommen oder reden wir gar von Wochen, Monaten oder Jahren.“ Den Schweregrad einer Angststörung könne nur ein Facharzt beurteilen. Ein Indikator ist aber auch, wenn das Leben insgesamt durch eine solche Neurose beeinträchtigt ist.

Bei einem leichtgradigen Verlauf lässt sich der Alltag noch bewältigen. „Der Betroffene verspürt nur ganz leichte Symptome: Hier ist eine psychosoziale Beratung meist ausreichend“, berichtet Kanig aus der Praxis. Als Klinische Sozialarbeiterin richtet sie den Fokus auf Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei geht es um Veränderungen, die notwendig sind, um die Situation zu stabilisieren. Dazu zählt etwa die Existenzsicherung. „Ist jedoch zu viel Unsicherheit in mir, braucht es mehr“, betont die Expertin und spricht in diesem Zusammenhang von einer generalisierten Angststörung, die anhaltend und dauerhaft ist. Da braucht es auf jeden Fall einen Facharzt oder eine Psychotherapie. In Reha-Kliniken lässt sich einen Umgang damit finden.

Reden als erster Schritt

Bei Hilfsangeboten für Angststörungen sieht Julia Kanig das Land gut aufgestellt. Sie verweist unter anderem auf den Sozialpsychiatrischen Dienst auf Bezirksebene als sehr niederschwelligen Zugang. „Die Mitarbeitenden sind täglich von 9 bis 14 Uhr bei psychosoziale Krisen erreichbar“, merkt sie noch an. Speziell Angehörige würden sich dort informieren. Unterstützung gibt es außerdem bei pro mente, beim aks und im Notfall in der Ambulanz des Landeskrankenhauses Rankweil. Der erste Schritt ist laut Kanig darüber zu reden, mit einem Freund, mit einem Angehörigen. „Symptome können sich nämlich rasch verstärken, wenn sie nicht aufgearbeitet werden oder der Ursache nicht auf den Grund gegangen wird.“ Julia Kanig: „Gespräche können schon viel bringen und erleichternd sein. Das gilt für Betroffene ebenso wie für Angehörige.“ VN-MM

„Gespräche können schon viel bringen und für alle Beteiligten erleichternd sein.“

Weitere Informationen zu Hilfsangeboten unter www.promente-v.at