Falsches Krisenmanagement
Die Gesundheitsbehörden auf EU- und nationaler Ebene verhindern mit formalen Argumenten eine Strategie, bei der in Zeiten akuten Impfstoffmangels die Anzahl der Pandemietoten und Beatmungsfälle deutlich reduziert werden könnte.
Aus vielen Studien wissen wir heute, dass die erste SARS CoV-2 Impfdosis schon nach 14 Tagen zu einer über 90-prozentigen Reduktion von Covidtoten und Beatmungsfällen führt. Auch die Übertragung des Virus auf noch nicht immune Personen wird durch die erste Impfung massiv reduziert. Leider wurden die Studien primär nicht für solche Aussagen konzipiert. Aber: Unzählige führende Experten aus aller Welt bestätigen diese Interpretationen der vorhandenen Forschungsergebnisse.
Topwissenschaftler, die in großen Studien involviert waren und/oder Mitglieder nationaler Expertengremien sind, tun sich schwer, öffentlich von ihren Institutionen abweichende Stellungnahmen (NIH, CDC, FDA, EMA) zu vertreten. Werden diese Experten mit der Frage, ob die zweite Dosis aufgeschoben werden kann, von Interviewern konfrontiert, flüchten sich die meisten in formale Argumente. Selbst der Übervater der Experten, Tony Fauci, wird charmant verlegen, wenn ihn der Chefredakteur von JAMA dazu befragt. Er antwortet nicht mit „nein“, aber … „Formalismus“ … und der entscheidende Unterschied, in den USA gibt es keinen Impfstoffmangel. Auch die Pharmaindustrie ist aus mehreren Gründen gegen einen Aufschub der zweiten Impfdosis.
Die verzögerte zweite Impfung mit den mRNA Vakzinen hat wahrscheinlich sogar positive Langzeiteffekte. Unser Immungedächtnis ist sehr gut und „reift“ in den ersten Monaten nach. Dazu gibt es spannende Studien bis hin zur immunologischen Vorbereitung auf künftige Virusvarianten! Hier sind durchaus Parallelen zu unserem allgemeinen Gedächtnis, was die Reifung und Schwächen im Alter betrifft, zu erkennen.
Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Die Impfstoffentwicklung musste extrem rasch erfolgen, und das ist auch exzellent gelungen. Der Zeitpunkt der zweite Dosis ist entscheidend für die mindestens drei monatige wissenschaftliche Nachbeobachtungszeit. Deshalb wurde die zweite mRNA-Injektion extrem früh, schon nach drei (was es in der bisherigen Impfstoff-Forschung noch nie gab) bzw. vier Wochen geplant. Natürlich haben da auch Konkurrenzüberlegungen mitgespielt.
Unfaire Statistiker haben behauptet, dass die erste Impfung nur einen Wirkungsgrad von 50 Prozent haben soll. Man muss kein Experte sein um zu wissen, dass die Wirkung einer Impfung erst nach 14 Tagen eintritt. In den ersten zwei Wochen gibt es zwischen den Erstgeimpften und nicht geimpften Personen keinen Unterschied, danach treten aber mit extrem seltenen Ausnahmen keine Todesfälle mehr auf.
Ich habe den Eindruck, dass Entscheidungsträgern auf höchster EU- und nationaler Ebene der Mut fehlt, das, was logisch ist und Leben rettet, umzusetzen. In wenigen Monaten werden wir ausreichend Impfdosen haben, und dieses Problem ist gelöst. Unabhängig davon werden wir auch weiterhin und noch sehr lange konsequent alle Vorsichtsmaßnahmen einhalten müssen. Wenn es gelingt mit einer niedrigen Inzidenz in den Juni/Juli zu starten, werden die wärmere Jahreszeit, Kindergarten- und Schulferien uns einen lockeren und erholsamen Sommer bescheren.
„Die verzögerte zweite Impfung mit den mRNA Vakzinen hat wahrscheinlich sogar positive Langzeiteffekte.“
Hans Concin
hans.concin@vn.at
Prim. a. D. Dr. Hans Concin, Vizepräsident aks Verein
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