Ohren im Pandemiestress

Gesund / 05.03.2021 • 11:12 Uhr
Was vermutlich die Wenigsten wissen: Corona und die Maßnahmen dagegen können auch dem Gehör enorm zusetzen.pexels
Was vermutlich die Wenigsten wissen: Corona und die Maßnahmen dagegen können auch dem Gehör enorm zusetzen.pexels

Immer mehr Menschen leiden unter Tinitus.

Bludenz Maskentragen, Online-Meetings, veränderte Geräuschpegel und Arbeitsweisen haben teils überraschende Auswirkungen auf unser Gehör. Unter anderem bemerken die Vorarlberger Hörakustiker einen Anstieg bei Menschen, die unter Tinnitus leiden. „Ein Jahr Pandemie hat deutliche Spuren bei unserem Gehör hinterlassen“, sagt Simon Bitsche, Landesinnungsmeister der Hörakustiker. Aktuell weisen die Experten darauf hin, wie wichtig es ist, sich auch in Pandemiezeiten um die Ohren zu kümmern und bei Hörverlust schnell gegenzusteuern.

» Masken können die Lautstärke halbieren. „Viele Menschen haben überhaupt erst durch das Maskentragen entdeckt, dass ihr Gehör nachlässt“, sagt Bitsche. Denn MNS- und FFP2-Masken dämpfen die für die Sprachverständlichkeit wichtigen höheren Frequenzen ab 1kHz aufwärts. Fünf bis 10 dB an Lautstärke fallen durchschnittlich weg. „Zehn Dezibel entsprechen etwa einer Halbierung der Lautstärke“, erklärt Simon Bitsche. Wer das Gesagte nicht versteht, kann beim Maskentragen auch nicht darauf ausweichen, die Lippen zu lesen.

» Zu wenige lassen derzeit ihr Gehör testen. „Leider scheuen sich viele Menschen aufgrund von Corona derzeit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dabei wäre es gerade jetzt und gerade bei älteren Menschen angesichts der mangelnden sozialen Kontakte wichtig, andere hören und mit ihnen reden zu können“, betont Bitsche. Hörakustiker sind systemrelevant und auch in Pandemiezeiten offen. Hörtests und die Anpassung von Hörgeräten sind problemlos möglich.

Derzeit melden etwa 13 Prozent der Bevölkerung in westeuropäischen Ländern Hörprobleme. Die Verwendung von Hörgeräten ist in zehn Jahren von 33 auf 42 Prozent gestiegen. „Je länger man damit zuwartet, ein Hörgerät anpassen zu lassen, desto schwerer fällt die Umstellung und desto länger leidet die Lebensqualität. Studien zeigen deutliche Verbindungen von Demenzrisiko, psychischen Erkrankungen wie Depression sowie Unfallgefahr mit unbehandeltem Hörverlust“, warnt der Experte.

» Es klingelt in den Ohren. Auch Tinnitus-Beschwerden haben in Pandemiezeiten zugenommen. Bitsche sagt: „Etliche Kollegen melden, dass sie verstärkt Anfragen von Menschen bekommen, die plötzlich mit Rauschen, Pfeifen oder anderen Symptomen zu kämpfen haben.“ Das kann viele Ursachen haben; dazu gehört auch Stress. „Wenn die Symptome von Hörverlust begleitet werden – und oft fällt erst durch die Untersuchung des Tinnitus auf, dass man bereits eine verminderte Hörleistung hat – dann kann übrigens auch da ein Hörgerät hilfreich sein, denn wenn die Hintergrundgeräusche wieder klarer wahrnehmbar sind, maskieren sie zum Teil die störenden Tinnitus-Geräusche.“

» Online-Meetings wirken sich positiv aus. Positiv beurteilt der Experte die Auswirkungen von Online-Meetings und digitaler Kommunikation, sofern die Lautstärke gut eingestellt ist. „Einerseits ist es gerade für Menschen mit verminderter Hörleistung hilfreich, Kopfhörer verwenden zu können. Andererseits hat man dank des Layouts der Meetingsoftware oft bessere Chancen, die Gesichter aus der Nähe zu sehen und die Lippenbewegungen zu erkennen, als zum Beispiel bei einem physischen Treffen in einem großen Raum.“

» Gehörempfindlichkeit nimmt zu. Bitsche bemerkt: „Die Pandemie hat für viele Menschen eine Veränderung ihres täglichen Geräuschpegels bewirkt.“ Wer beispielsweise nicht mehr im Großraumbüro oder im lauten Restaurantbereich arbeitet, wer plötzlich viel allein ist, bei dem passt sich das Gehör an. Lärmsituationen, die bisher gar nicht aufgefallen sind, werden plötzlich als unangenehm laut und überfordernd erlebt. „Prinzipiell ist das kein längerfristiges Problem, das Ohr passt sich an, und wir gewöhnen uns wieder gut an lautere Situationen, aber wir raten, sich und andere derzeit nicht zu überfordern.“ Für akute Situationen empfehlen die Hörakustiker die Anpassung eines Gehörschutzes.