Hans Concin

Kommentar

Hans Concin

Corona, Politik und Forschungsinstitutionen

Gesund / 04.09.2020 • 11:30 Uhr

Zu den weltweit renommiertesten medizinischen Institutionen gehören die amerikanischen Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC, gegründet 1964) mit ihrer Zentrale in Atlanta, Georgia, und die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde (FDA, gegründet 1929) mit Sitz in Silver Spring, Maryland. Ein neu entwickeltes Medikament hat ohne eine Überprüfung und Zulassung durch die FDA kaum eine Chance, in der westlichen Welt angenommen zu werden. Zum Beispiel hat die FDA in den 1950er-Jahren das Medikament Contergan (Thalidomid) nicht zugelassen und damit, nicht wie in Europa, Tausende Fehlbildungen der Arme und Beine bei Neugeborenen verhindert.

Beide Institutionen haben eine Nachahmung in der EU gefunden: Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA, 1995) mit Sitz in Amsterdam und das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (eCDC, 2004) in Solna, Schweden. Diese Organisationen beobachten unter anderem weltweit Krankheitsentwicklungen und veröffentlichen frühzeitig, ähnlich wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO), medizinische Empfehlungen auf höchstem wissenschaftlichen Niveau.

EMA und eCDC unterstehen dem Europäischen Parlament, die CDC und FDA sind Institutionen des amerikanischen Gesundheitsministeriums und leiden derzeit unter der politischen Einflussnahme von Donald Trump. Nicht nur dumme und gefährliche Äußerungen zu Corona sind regelmäßig von ihm in der Öffentlichkeit zu hören, er macht zunehmend auch Druck auf die Direktoren dieser verdienstvollen Institutionen. Hierfür sprechen viele Indizien, unter anderem: Eine überstürzte Zulassung von Hydroxychloroquin zur Vorbeugung und Behandlung von Covid-19, die dann wieder zurückgezogen werden musste. Trotz Expertenwarnungen ist Trump der Meinung, dass Antikörper von Covid-19-Genesenen, unrealistische 35 (!) von 100 Toten verhindern können. Das hat zu einer Notfallgenehmigung dieser Therapie durch die FDA geführt. Unter massivem Druck von angesehenen Wissenschaftlern musste der verantwortliche Direktor einen Fehler eingestehen. Den CDC wurde die Corona-Statistik entzogen, obwohl sie auf diesem Gebiert die größte Erfahrung und Expertise hat, und einer privaten Firma übertragen. Warum wohl? Und als Krönung steigen die USA aus der WHO aus, mit Nachteilen für die ganze Welt.

Hochrangige, verdienstvolle leitende Wissenschaftler müssen ständig fürchten, gefeuert zu werden, wenn sie dem US-Präsidenten widersprechen. Dieses Vorgehen ist gefährlich und widerspricht absolut der Freiheit der Wissenschaft die zum Beispiel in Österreich seit über 150 Jahren gesetzlich verankert ist.

Ein Dilemma in Coronazeiten ist, dass die Forschung nicht so schnelle Ergebnisse liefern kann, wie sie die Politik für ihre Entscheidungen benötigen würde. Das heißt, Politiker müssen oft ohne gesicherte wissenschaftliche Fakten teilweise einschneidende Verordnungen erlassen. Oft zeigen bestätigte Forschungsergebnisse erst nachträglich, ob das richtig oder falsch war.

„Politischer Druck auf Wissenschaftler und deren Institutionen, wie er derzeit von Donald Trump ausgeübt wird, ist gefährlich.“

Hans Concin

hans.concin@vn.at

Prim. a. D. Dr. Hans Concin, Vizepräsident aks Verein