Kurzsichtige Schulkinder

Gesund / 06.09.2019 • 11:05 Uhr
Kurzsichtige Schulkinder
“Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto höher sind in der Regel die Endwerte“, sagt Augenexperte Simon Bitsche.

Laut Experten sind immer mehr junge Mensch von Kurzsichtigkeit betroffen.

Schwarzach Für das Phänomen wurde bereits ein eigener Begriff geprägt. „Wir sprechen mittlerweile von der ‚Schulmyopie‘“, sagt Simon Bitsche, Berufsgruppensprecher der Vorarlberger Augenoptiker und Optometristen. Laut dem Experten sind die meisten Kinder mit etwa sechs Jahren noch normalsichtig oder leicht weitsichtig. Im Schulalter fange es dann allerdings an. „Bei der überwiegenden Mehrheit tritt die Myopie zwischen dem sechsten und 15. Lebensjahr auf, um sich dann im Erwachsenenalter bei bis zu minus sechs Dioptrien einzupendeln. Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto höher sind in der Regel die Endwerte“, erläutert Bitsche und spricht von einem „wachsenden Problem“. So sei in Europa mittlerweile jeder zweite junge Mensch von Kurzsichtigkeit betroffen, weltweit werde sie zur Norm. Als Hauptgrund nennt der Berufsgruppensprecher die zunehmend augenfeindlicheren Lebensbedingungen, und dabei insbesondere das dauerhafte Nahsehen und zu wenig Tageslicht. „Der Mensch ist evolutionär darauf ausgelegt, untertags den Blick ständig zwischen dem Horizont und näher gelegenen Objekten hin und her pendeln zu lassen. Heute verbringen Kinder den Großteil der Zeit damit, auf ihre Hefte, die Schultafel und danach auf Handy- oder Computerbildschirme zu starren, und das bei einem hohen Kunstlichtanteil“, führt er aus. Dadurch verliere das Auge die Fähigkeit, sich auf weite Entfernungen einzustellen.

Augenerkrankungen

Als Problem ortet Bitsche, dass viele Eltern die Augen ihrer Kinder nach den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen nicht mehr regelmäßig kontrollieren lassen. Das Fortschreiten von Myopie könne aber nur im Kindesalter beeinflusst werden. „Die Kurzsichtigkeit ist zwar keine Krankheit, kann aber im Erwachsenenalter die Wahrscheinlichkeit von Augenerkrankungen steigern: Netzhautablösungen, Makulaerkrankungen, grauer oder grüner Star, treten häufiger und früher ein“, betont Simon Bitsche.

Tipps der Augenoptiker und Optometristen

Anzeichen früh erkennen. Kleinkinder kompensieren häufig Sehschwierigkeiten. Im Schulalter wird es dann schwieriger. Die Kinder kneifen die Augen zu, um die Schrift auf der Tafel zu erkennen, lehnen sich vor, bekommen Kopfweh. Sie schaffen es nicht, Bälle zu fangen. Sie scheinen unkonzentriert, machen viele Fehler. „Statt sofort an Lernprobleme zu denken, wäre es sinnvoll, erst die Augen der Kinder überprüfen zu lassen“, sagt der Berufsgruppensprecher der Augenoptiker.

 

Mehr an die frische Luft. Einer australischen Studie zufolge kann schon eine zusätzliche halbe Stunde Tageslicht einen Unterschied machen. Die Forscher statteten 102 Schulkinder mit Lichtsensoren aus. Normalsichtige Kinder verbrachten pro Tag im Schnitt gut zwei Stunden im Tageslicht, kurzsichtige Kinder nur etwa eineinhalb Stunden. „Übrigens verringert sich der Effekt, wenn die Kinder zwar draußen sind, dabei aber den Blick nur auf das Handy gerichtet haben“, ergänzt Bitsche.

 

Die richtige Brille. Die Brille für Kinder sollte leicht sein, einen flexiblen oder besonders geschützten Rahmen haben, da sie hohen Belastungen ausgesetzt wird, und laut Bitsche eines ganz besonders können: „Sie muss dem Kind gefallen. Denn nur dann wird die Brille täglich getragen. “

 

Nutzungsregeln für Bildschirme. Bitsche empfiehlt klare Nutzungsregeln, die die Bildschirmzeit der Kinder einschränken: „Wichtig ist dabei, mit den Kindern zu sprechen, darüber, was sie mit der Bildschirmzeit anfangen wollen, aber auch, wie sie jeden Tag auf ihre zwei Stunden Tageslicht kommen können.“

 

Fern- und Nahsehen üben. Übungen, bei denen der Blick mehrmals abwechselnd ein paar Sekunden in die Ferne und in die Nähe gerichtet wird, können die Augen ein wenig „in Schuss“ halten. Sie helfen Bitsche zufolge bei dem so wesentlichen flexiblen Wechsel zwischen den Distanzen.

 

Augentropfen. Vermehrt im Gespräch sind Augentropfen mit dem aus der Tollkirsche gewonnenen Wirkstoff Atropin, die die Myopie einbremsen sollen. „Wir raten zu einem Gespräch mit einem Ophthalmologen. Nur so lässt sich individuell klären, ob das ein sinnvoller Weg ist“, erläutert der Augenexperte.

 

Kontaktlinsen. Studien haben gezeigt, dass der Einsatz von weichen Multifokal-Kontaktlinsen und Orthokeratologie-Linsen bei Kindern den Fortschritt der Myopie verlangsamen kann. Die Krankenkassen beteiligen sich an den Kosten, wenn die Kurzsichtigkeit pro Jahr um mindestens eine Dioptrie zunimmt.