Medizinhistoriker im Interview über die wieder gefragte Traditionelle Europäische Medizin

Die Traditionelle Europäische Medizin (TEM) erfährt in unseren Tagen eine wahre Renaissance.
Schwarzach, Wien Hand aufs Herz: Wer hat schon einmal von der Traditionellen Europäischen Medizin, kurz TEM, gehört? Ja, vom chinesischen Pendant, der TCM vielleicht schon. Dabei erfahren die jahrtausendealten Erfahrungen und Behandlungsmethoden von verdienten Namen wie Paracelsus, Hippokrates, Hildegard von Bingen oder Sebastian Kneipp, die die TEM vereint, in unseren Tagen wieder verstärkt Beachtung. Auf Anregung einiger Leser fragte nun Fit&Gesund bei Medizinhistoriker Karl-Heinz Steinmetz, dem Begründer des Instituts für Traditionelle Europäische Medizin, nach.

Wie beschreiben Sie die Traditionelle Europäische Medizin und welche Bedeutung hat sie für unsere Breitengrade?
Steinmetz TEM ist die Heiltradition Europas, die seit dem 5. vorchristlichen Jahrhundert schriftlich greifbar ist, um 1820 in den Hintergrund trat, aber heute wiederentdeckt wird. Gegenüber der TCM hat sie den Vorteil, dass sie auf unsere Lebensweise maßgeschneidert ist. Spannend für den medizinischen Laien ist, dass sich die TEM bestens für die Gesundheitsvorbeugung im Alltag eignet.
Welche Lehren umfasst die Heiltradition Europas konkret?
Steinmetz Der große Traditionsbogen der TEM gelangt am Beginn des 19. Jahrhunderts an einen Wendepunkt, als die rein naturwissenschaftliche Medizin ihre Erfolgsgeschichte beginnt. Zu dieser Zeit formieren sich aber auch Homöopathie, F.X.-Mayr-Medizin und Anthroposophische Medizin. Insofern sie in der TEM verwurzelt sind, gehören sie ein Stück weit dazu; in dem Falle, dass diese Systeme ganz neue Gedanken entwickeln, überschreiten sie die TEM. Ein Homöopath, den ich gefragt habe, ob er zur Traditionellen Europäischen Medizin gehören möchte, hat mir gesagt, im Rahmen einer doppelten Staatsbürgerschaft gerne, aber nicht ausschließlich.
Stichwort: Die vier Grundtemperamente. Was steckt dahinter?
Steinmetz Hinter den Namen der vier Temperamente (Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker) verbirgt sich eine Gesundheitslehre, die den Menschen und seinen Stoffwechsel mit vier Typen beschreibt, denn er ist ja kein „Patient von der Stange“. Wer sein Temperament kennt, kann typengerecht vorgehen: Ein Choleriker bekommt beispielsweise Rosenöl zur Massage, ein Phlegmatiker Thymianöl.

Was hat es mit der Benennung der vier Organe auf sich?
Steinmetz In der TEM nehmen die Organe Leber, Herz, Milz und Gehirn eine wichtige Rolle ein, wobei diese nie isoliert, sondern im Rahmen von Funktionskreisen betrachtet werden. Die heutige Medizin ist der TEM in Sachen Anatomie und Physiologie haushoch überlegen, das systemische Denken der TEM hat jedoch Potenzial.
Und zum Schema der Grundenergien, der sogenannten Spiritus-Lehre – was besagt diese?
Steinmetz Die energetische Dimension des Menschen wird in der TCM qi genannt, in der TEM spricht man hingegen vom Spiritus. Diese Lehre ist für die Leibübungen der TEM sehr wichtig. Die TEM hat zwar nichts gegen Training mit Fitnessgeräten, aber echte Leibtherapie beginnt erst dort, wo man bei der Bewegung auch auf den Fluss der Energie achtet. Die TEM-Leibübungen sind damit zusagen ein Gegenstück zum Qigong.
Wie erfolgt die Diagnose?
Steinmetz In der TEM setzt man auf Diagnosen mit allen Sinnen: Lesen von Gesundheits- und Krankheitszeichen im Gesicht, Betasten von Haut und Gewebe, vor allem aber die Zungen- und Pulsdiagnose – im Rahmen eines ausführlichen Gespräches. Diese Techniken sind aber auch für Laien erlernbar und sinnvoll.
Und die Therapiemöglichkeiten?
Steinmetz An erster Stelle steht die typengerechte Gesundheitsküche, dann der intelligente Einsatz von Heilpflanzen. Die TEM bietet ein breites Spektrum an Behandlungen wie Massage, Schröpfen, Wasseranwendungen, warme Steine etc. Im Bereich der Stresskompetenz bewähren sich Meditation und die erwähnten spirituellen Leibübungen.
Zur Person
Karl-Heinz Steinmetz studierte Theologie, Philosophie sowie Mittelalterliche Geschichte, spezialisierte sich in Medizingeschichte. Vor vier Jahren gründete er das Institut für Traditionelle Europäische Medizin in Wien, das er leitet. Einer seiner Leitsätze: „Gesundheit ist das Maß an Krankheit, das mir gestattet, Mensch zu bleiben!“
Nähere Infos finden sich unter www.institem.at – übrigens findet im Bildungshaus St. Arbogast ein Vortrag (Donnerstag, 28. Februar, 19 Uhr) sowie ein Grundlagenkurs mit Start am Freitag, 1. März, (16 Uhr) zum Thema TEM statt. Infos dazu gibt es unter www.arbogast.at
