Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Im Kleinen Größe zeigen

Gesund / 08.06.2018 • 09:05 Uhr

„Wie ist das, wenn man richtig reich ist?“ „Keine Ahnung, das kann ich Ihnen nicht beantworten.“ „Weil Sie selber nicht reich sind?“ „Nein, weil ich nie arm war.“ Dieser Dialog stammt aus einem Buch, das ich gerade lese und am liebsten nicht mehr aus der Hand legen würde. Noble Münchner Gesellschaft gegen Migrantenmilieu: Eine hochexplosive Mischung, aus der Jan Weiler einen äußerst feinsinnigen Krimi gesponnen hat. Mich hat die eingangs beschriebene Textpassage spontan an die unselige Diskussion über die Neuregelung der Mindestsicherung erinnert. Auch viele von uns können nicht nachvollziehen, wie es ist, jeden Euro dreimal umzudrehen, weil sie es glücklicherweise nicht müssen. Es darf vermutet werden, dass die, die dieses Gesetz auf den Tisch gebracht haben, noch weniger Ahnung davon haben.

Es sagt sich so leicht: „Das kann ich mir gut vorstellen.“ Solche und ähnliche Sätze rutschen uns ja auch gerne einmal im Umgang mit Kranken heraus. Aber niemand, der nicht am eigenen Leib von Armut oder einem schweren Leiden betroffen ist, kann wissen, wie es sich tatsächlich anfühlt, in dieser Situation zu sein. Das behaupte ich jetzt einfach. Wir können es, wenn überhaupt, vielleicht erahnen. Wobei wir selbst damit unsere Schwierigkeiten haben dürften. Was wir jedoch sehr wohl können ist mitfühlen, ist da sein, wenn wir gebraucht werden. Den sozialen Frieden schon im Kleinen zu sichern, das zeugt von Größe. Es wird mehr denn je nötig sein.

Marlies Mohr

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