Neue Werte im digitalen Kosmos

Gesund / 22.12.2017 • 10:27 Uhr
Die Zeit, die Kinder und Jugendliche am Handy verbringen, wird immer mehr. Hier gelte es dringend, gegenzusteuern.voki
Die Zeit, die Kinder und Jugendliche am Handy verbringen, wird immer mehr. Hier gelte es dringend, gegenzusteuern.voki

Öfter einmal ins „Off“, als ständig im „On“ bleiben.

Bregenz Off- und Online-Welt verschmelzen: für Erwachsene, vor allem aber für Kinder und Jugendliche. Wer sich im Netz präsentiert, bezahlt dafür oft mit der Preisgabe von Daten. Dabei sollten wir unsere Privatsphäre nicht leichtfertig aufgeben, ist die Medienwissenschaftlerin Petra Grimm überzeugt. Sie gastierte in der Reihe „Wertvolle Kinder“ unlängst im Vorarlberger Kinderdorf Kronhalde in Bregenz.

Egal, ob man die Digitalisierung als Fortschritt, Effizienzsteigerung und Zuwachs an Komfort sieht oder als Bedrohung bewährter Strukturen und persönlicher Autonomie: Die digitale Revolution durchdringt alle unsere Lebensbereiche. „Wir leben zusehends im On“, sagte die renommierte Medienwissenschaftlerin. Unter dem Stichwort „Internet der Dinge“ führte Grimm auch die Infiltrierung unserer Privatsphäre durch Technisierung, Mediatisierung und Digitalisierung an. Intelligente Geräte machen das Zuhause zum „Smart Home“ bis hin zu intelligenten Socken, die es erleichtern sollen, nach dem Waschen für jede Socke wieder das passende Gegenüber zu finden.

Handy als Teil des Körpers

Auch der Lebensraum unserer Kinder spielt sich zunehmend im Online, sprich in Sozialen Medien ab. Das Handy sei wie ein Teil ihres Körpers, zitierte die Hochschulprofessorin eine jugendliche Seminarteilnehmerin. Dinge mit anderen im Netz teilen, sich selbst zu inszenieren führt zu Anerkennung und Aufmerksamkeit, bedingt aber auch eine Datenpreisgabe und Gefährdung der Privatsphäre. Vielen Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen sei dies nicht bewusst. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass hinter WhatsApp, Google & Co. kommerzielle Interessen stehen.

Wertewandel

Die digitale Transformation der Gesellschaft inkludiert laut Grimm auch eine Ökonomisierung der Werte. „Der digitale Kosmos, in dem wir leben, ist von ökonomischen Kriterien geprägt“, erläuterte sie. Die unzähligen Nachrichten und Bilder, die täglich übers Smartphone ankommen, erfordern Quellenkompetenz und eine Auseinandersetzung mit Haltungen, Werten, mit Ethik, Empathie und digitaler Courage. Keineswegs sei ein Handyverbot oder der komplette Verzicht auf die Teilnahme an sozialen Foren die Lösung, was einem sozialen Ausschluss gleichkommen würde. Dennoch ist Petra Grimm überzeugt, dass wir uns auf eine „digitale Ethik“ verständigen sollten. Zunehmend befänden sich Jugendliche nämlich in der Zwickmühle bzw. einem Wertekonflikt. Wie viel gebe ich für möglichst viele Likes von mir preis? Bin ich bereit, gegen herabwürdigende und verletzende Äußerungen im Netz einzutreten? Gemeinsam mit Studentinnen und Studenten hat die Forscherin „10 Gebote der digitalen Ethik“ entwickelt, die uns wie ein Navi-Gerät durch den virtuellen Raum lotsen sollen.

Vernetzt und verletzt

Eine große Unsicherheit herrsche bei Jugendlichen auch im Zusammenhang damit, was die Glaubwürdigkeit der Informationen aus dem Internet generell anbelangt. „Sie sind nicht versiert im Umgang mit Wertungen, können etwa gesponserte Nachrichten nicht von seriösen unterscheiden.“ Bei Bildern werde aufgrund ihres authentischen, dokumentarischen Charakters schon gar nicht mehr auf die Quellenangabe geschaut. Dies öffne Cybermobbing Tür und Tor, das von rund 40 Prozent aller Jugendlichen in Deutschland durchaus als problematische Seite des Internets wahrgenommen wird.

Petra Grimm fordert dringend eine Sensibilisierung darüber, wie wir Smartphone und andere technische Geräte sinnvoll nutzen können. Sie nannte in ihrem Vortrag auch Wege für die eigene verantwortungsvolle und reflektierte Mediennutzung sowie nichtkommerzielle Alternativen zu Google & Co. Ein Wissen, das wir an unseren Nachwuchs weitergeben können ebenso wie einfach öfter einmal eine Pause im „Off“ einlegen, damit das „always on“ nicht allzu müde macht. CFP