Radikal und mit Hitze gegen Tumorzellen

Gesund / 16.11.2017 • 21:24 Uhr
Eingriffe bespricht Primar Matthias Zitt (r.) mit seinen Teammitgliedern.Mediaart
Eingriffe bespricht Primar Matthias Zitt (r.) mit seinen Teammitgliedern.Mediaart

Krankenhaus Dornbirn: Neue Chance auch für Patienten mit Bauchfellkrebs.

Dornbirn Unheilbar: eine Diagnose wie ein Keulenschlag, bei Patienten mit Bauchfellkrebs bislang aber beinahe gang und gäbe. Nun ist aber auch für sie ein Hoffnungsstreif am medizinischen Horizont aufgetaucht. Dank einer neuen Methode lässt sich Bauchfellkrebs zumindest teilweise therapieren. Bei diesem Spezialeingriff werden in einem ersten Schritt alle im Bauchraum sichtbaren Tumoranteile radikal entfernt, anschließend wird mit einem erhitzten Cocktail aus chemotherapeutischen Medikamenten der Bauchraum ausgespült. Diese Maßnahme soll die nicht sicht- und tastbaren Tumorherde im Bauchfell vernichten. Seit zwei Jahren gehört das Krankenhaus Dornbirn zu jenen neun Zentren in Österreich, in denen diese Therapie zum Einsatz kommt.

Abklärung bieten

Primar Matthias Zitt, Leiter der Chirurgie, hat sie im Zuge seines Wechsels von der Universitätsklinik Innsbruck, wo er für diesen Bereich verantwortlich zeichnete, nach Vorarlberg gebracht. Seitdem wurden in Dornbirn 18 Patienten abgeklärt, zwölf davon operiert und sechs mit der gesamten Therapie erfolgreich behandelt. „Das zeigt schon, dass die Methode nur bei einem Drittel der Patienten sinnvoll und möglich ist“, erklärt Primar Zitt im VN-Gespräch. Dennoch ist es ihm wichtig, dass Betroffene davon wissen und die Chance erhalten, in einem Zentrum dahingehend untersucht zu werden, ob sie für die sehr aufwändige und strapaziöse Operation infrage kommen.

Bessere Wirksamkeit

Die Peritonealkarzinose, so der Fachbegriff für Bauchfellkrebs, zählt zu den schwer therapierbaren Tumoren. Bauchfellkrebs kommt häufig im Gefolge von Darm-, Magen- sowie Eierstockkrebs vor. Ausgehend von diesen Organen breiten sich Krebszellen im Bauchraum aus und befallen das Bauchfell. Die Tumore sind jedoch oft nicht sichtbar oder tastbar. „Deshalb wird Bauchfellkrebs meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt“, erläutert Matthias Zitt. Dazu kommt die insgesamt schlechte Prognose bei dieser Krebsform.

Anfang der 1990er-Jahre schwappte dann eine neue Behandlungsmethode aus Amerika kommend nach Europa über. Sie kombiniert die chirurgische Tumorreduktion mit der „hyperthermen intraperitonealen Chemotherapie“, kurz HIPEC genannt. Bei der HIPEC handelt es sich um eine Form der Chemotherapie, die nicht über das Blut im Körper verteilt, sondern direkt in den Bauchraum eingebracht wird. „Dadurch wirkt die Chemotherapie gezielter“, sagt Zitt. In Österreich hielt die Methode 1992 Einzug. Die erste Anwendung erfolgte im damaligen „Kaiserin Elisabeth Spital“ in Wien. Inzwischen hat sich die Behandlung etabliert. Über 800 Patienten wurden in den neun HIPEC-Zentren mittlerweile auf Basis der neuen Strategie therapiert.

Allerdings dauerte es bis 2006, bis mit der Universitätsklinik Innsbruck ein zweites Zentrum entstand. Dort nahm Matthias Zitt über Auftrag seines damaligen Chefs, Prof. Raimund Margreiter, die Fäden in die Hand. Und er ließ sie nicht mehr los. Er war einer der Hauptakteure bei der Gründung eines österreichweiten „Peritonealkarzinose-Netzwerks“, beteiligt sich an seiner Weiterentwicklung, war einer der Herausgeber standardisierter Behandlungsleitlinien und ist aktuell gewählter Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgische Onkologie. Die Einrichtung eines qualitätsgesicherten Registers, in dem künftig alle behandelten Fälle dokumentiert und schließlich ausgewertet werden sollen, stellt die neueste Errungenschaft der österreichischen Expertengruppe im Kampf gegen den Bauchfellkrebs dar.

Genaue Abklärung wichtig

Das Um und Auf der HIPEC-Behandlung ist eine genaue Abklärung des Patienten. „Dieser Eingriff zählt zu den größten und längsten Eingriffen in der Bauchchirurgie. Deshalb darf die Operation nur durchgeführt werden, wenn sich aufgrund der Befunde ein Vorteil für den Patienten ergibt“, betont Primar Zitt. Dies zu entscheiden liege im Verantwortungsbereich des Operateurs, was eine langjährige Erfahrung unverzichtbar mache. Es braucht laut Zitt aber auch das Zusammenspiel aller notwendigen medizinischen Disziplinen, um einen derart anspruchsvollen Eingriff zu einem guten Abschluss zu bringen. Dies sei im Krankenhaus Dornbirn in perfekter Art und Weise gegeben.

Entscheidung während der OP

Ob die erhitzte Chemotherapie sinnvoll und technisch machbar ist, wägt der Chirurg während des Eingriffs ab. Im positiven Fall wird das Programm durchgezogen, was mehr als zehn Stunden dauern kann, im negativen Fall die OP beendet. Dann bleibt meist nur noch die palliative Behandlung. Dass die Methode nicht allen Betroffenen nützt, ist die eine Seite, dass alle die Chance der Abklärung haben sollen, die andere. Dafür Bewusstsein zu schaffen hat sich Matthias Zitt zum Ziel gesetzt. „Die Patienten haben ein Anrecht darauf.“ Mit einem Leuchten in den Augen erzählt er von der ersten HIPEC-Operation in Dornbirn im Herbst 2015. Eine damals 70-jährige Frau litt an Blinddarmkrebs, der bereits ins Bauchfell gestreut hatte. Unlängst war die Patientin zur Zwei-Jahres-Kontrolle bei ihm. „Tumorfrei“, merkt Zitt glücklich an. Es sind solche Erlebnisse, die ihn bewegen, aktiv für die Weiterverbreitung der neuen Behandlung einzutreten.

Stichwort Bauchfellkrebs

Das Bauchfell oder Peritoneum, wie der Fachbegriff lautet, kleidet als dünne „Haut“ den Bauchraum aus. Es umgibt die meisten inneren Organe unterhalb des Zwerchfells bis in den Bereich der Beckenorgane. Das Bauchfell produziert Bauchwasser, welches eine Gleitschicht zwischen den Organen bildet und damit eine einfache Verschiebung dieser untereinander, etwa bei der Verdauung, ermöglicht. Innerhalb dieses Bauchfells können sich bösartige Tumore, welche von Organen des Bauchraums ausgehen, weiterverbreiten und zu Bauchfellkrebs führen. Eher selten geht der Krebs direkt vom Bauchfell aus.