Hinhören bei Menschen mit Demenz

In Österreich sind bereits 120.000 Personen von dieser schwierigen Erkrankung betroffen.
Dornbirn. Die Diagnose „Demenz“ trifft und löst Ängste aus. Weil sich das Leben unwiederbringlich verändern wird. Als „demenzfreundliche Stadt“ zertifiziert werden in Dornbirn regelmäßig Veranstaltungen und Aktionen durchgeführt, wie etwa die Fortbildung „Moderne Aspekte der Demenzdiagnostik und Betreuung“ für das Pflegepersonal des städtischen Pflegeheims. Denn der Mensch, den man jahrzehntelang gekannt hat, geht mit der Demenz verloren. „Auch wenn wir es nicht nachvollziehen können, für den Betroffenen macht sein Verhalten Sinn“, erklärt der Gerontopsychologe Gerald Gatterer. Wenn Essen gesammelt wird. Wenn sie versprechen, Dinge nicht zu tun und das gleiche Verhalten am nächsten Tag zeigen. Schlicht, weil sie vergessen.
Immer mehr Betroffene
Ein Psychiater und seine Patientin: „Wie heißen Sie?“ „Auguste.“ „Familienname?“ „Auguste.“ „Wie heißt ihr Mann?“ „Ich glaube Auguste.“ „Wo sind Sie hier?“„Hier und überall, hier und jetzt, Sie dürfen mir nichts übel nehmen.“ Dieses Gespräch zwischen Alois Alzheimer und Auguste Deter schrieb Medizingeschichte und markierte 1901 den Beginn der Erforschung einer bislang unheilbaren Krankheit, von der in Österreich rund 120.000 Personen betroffen sind. Bis 2050 wird sich diese Zahl mehr als verdoppeln. Rund 60 Prozent aller Demenzen werden durch die Alzheimer-Krankheit hervorgerufen, bei der es zum Abbau von Gehirnzellen kommt. Das führt zur Hilflosigkeit. „Ich habe mich sozusagen verloren“, formulierte Auguste Deter in einem der wenigen klareren Momente.
Andere Bedürfnisse
Doch neue Studien zeigen, dass die Erkrankung nicht „erlitten“ werden muss. Demenz kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „ohne Geist“ oder „ohne Verstand“. Die Bezeichnung dient als Oberbegriff für Erkrankungsbilder, die mit dem Verlust der geistigen Funktionen einhergehen. Das bedeutet, diese Menschen verlieren ihr Gedächtnis, die Orientierung und das Verknüpfen von Denkinhalten. Wobei ihre persönlichen Talente und Fähigkeiten erhalten bleiben. Auch das Herz wird nicht dement. So hat jeder Mensch, der an einer Demenzerkrankung leidet, auch andere Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Ängste. „Die älteren Menschen bis zur mittelgradigen Demenz formulieren ihre Bedürfnisse. Wir müssen nur hinhören“, sagt Gerald Gatterer, „aber ohne sie zu ,verkindlichen‘ oder ,entmündigen‘.“ Anhand praktischer Beispiele zeigt Gatter den aktuellen Umgang mit Betroffenen und führt, durch neueste Erkenntnisse der Forschung, zu einem mitfühlenden Zugang.
Wo sich die Medizin an Normwerten, Symptomen und Standards orientiert, widmet sich die Pflege der Individualität des Menschen. „Bei der mittelgradigen Demenz wird das Hinfühlen wichtig“, betonte Gerald Gatterer. Bei schwerer Demenz spielen biografische Aspekte eine wichtige Rolle. Wer im Leben fürsorglich war, der übernimmt gern Aufgaben wie Kochen. Denn persönliche Talente und Fähigkeiten bleiben erhalten, und deren Förderung kann sich positiv auswirken. So kann über Emotionalität ein Beziehungsaufbau erfolgen. Über Düfte, die Erinnerungen wecken beispielsweise. „Menschen mit Demenz sind Menschen wie du und ich und deshalb haben sie auch dieselben Bedürfnisse. Sie können sie bei fortgeschrittener Demenz nur nicht äußern.“
Die Erkrankung zeigt verschiedenste Gesichter. Ihr Beginn ist schleichend. Das ständige Verlegen von Gegenständen. Schwierigkeiten, sich Namen zu merken. Die Organisation von alltäglichen Problemen. Alles im Grunde „Kleinigkeiten“. Sie dürfen nur nicht zur Regel werden und vor allem zunehmen. Denn dann beginnt sich eine heimliche Furcht einzunisten: Alzheimer? „Wann ist Ihnen das letzte Mal das Essen angebrannt?“ Die Frage des Vortragenden sorgt für Schmunzeln. „Kann passieren. Schwierig wird es nur, wenn die Diagnose Demenz lautet.“ Denn im Alltag neigen wir dazu, Verhalten und Bedürfnisse wegen der Demenz zu pathologisieren. Das bedeutet, die Verhaltensweisen, Wahrnehmungen, Gedanken, sozialen Verhältnissen oder zwischenmenschlichen Beziehungen werden als krankhaft gedeutet.
Gegen das Vergessen
Wir alle wollen alt werden, aber nicht sofort. Wenn wir Körper und Gedächtnis trainieren, können wir das biologische Alter um bis zu einem Drittel reduzieren. Das verzögert den Verlauf der Krankheit, Wichtig bei jeder Art von Aktivität ist es, Spaß zu haben. Auch soziale Kontakte pflegen und weitermachen, so lange es eben geht. Sich Unterstützung holen und Betreuung in Betracht ziehen. Die Betreuung ist auch für Angehörige eine Herausforderung. Denn bei Demenz leben die Betroffenen zunehmend in ihrer eigenen Welt. Für den Gesunden selbstverständlich, dass sich das Paar zum Beispiel zu Hause befindet. Der Demenzkranke hat es möglicherweise vergessen und will heimgehen. „Das Wichtigste dabei ist, der Gedanke der Validation, das heißt, dass wir die Patienten da abholen sollten, wo sie sind und in ihrer Welt belassen“, betont Pflegeheimleiterin Andrea Winder. Ihr sind die Ausbildung des Pflegepersonals und die Information für Angehörige ein zentrales Anliegen. So engagiert sich die Stadt auch mit zahlreichen Vereinen und Institutionen sowie ehrenamtlich Tätigen, um Demenz eine Stimme zu geben.
In den städtischen Pflegeeinrichtungen wurden Erinnerungsgruppen eingerichtet. Es sind Pflegestationen, die vor allem auf die Bedürfnisse von demenzkranken Bewohnern abgestimmt sind. Die Arbeitsgruppe hat sich außerdem dafür eingesetzt, das Thema Demenz sowie Tipps und Anregungen im Umgang mit dementen Menschen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. So werden etwa Vorträge unter dem Motto „Rund um die Pflege daheim“ veranstaltet. Beim Pflegeheim Höchster Straße wurde ein Gedächtnisparcours installiert, und sogenannte Spaziergänger begleiten Menschen mit Demenz in die Natur.
Bei der mittelgradigen Demenz wird das Hinfühlen wichtig, bei schwerer Demenz die Biografie.
Gerald Gatterer