Dumpfe Wolke an Wohlgefühl

Gesund / 04.01.2017 • 12:37 Uhr
Koste es, was es wolle: Schmerzmittelsüchtige in Amerika kommen auf jede Weise zu ihren Präparaten.
Koste es, was es wolle: Schmerzmittelsüchtige in Amerika kommen auf jede Weise zu ihren Präparaten.

Abhängigkeit von opioidhaltigen Schmerzmitteln hat in USA ungeahnte Dimensionen.

Washington. Eine Sucht geht um in den USA: lange Zeit kaum beachtet, doch mit fataler Wirkung. Sie hüllt die Abhängigen in eine dumpfe Wolke synthetischen Wohlgefühls, der nur schwer zu entrinnen ist. Der Überdosis-Tod von Pop-Ikone Prince warf ein Schlaglicht auf die Epidemie, die das Leben von Millionen Menschen zerstört und sich immer weiter ausbreitet: die Abhängigkeit von opioidhaltigen Schmerzmitteln. „Wir sagen jedes Jahr, schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Doch bis wir hier eine Trendumkehr schaffen, wird es noch lange Zeit dauern“, sagt Caleb Alexander, Co-Direktor des Johns Hopkins Center für Medikamentensicherheit. Offiziellen Zahlen zufolge waren 2014 etwa zwei Millionen Amerikaner süchtig nach Opioiden, die eigentlich nur bei stärksten Schmerzen eingenommen werden sollten. Die Mittel sind vom chemischen Aufbau her eng mit Heroin verwandt, wirken ähnlich und machen extrem schnell abhängig.

Daneben waren rund 600.000 Menschen heroinsüchtig. Weitere 2,5 Millionen Menschen nehmen Schmerzmittel langfristig auf Rezept ein, wie eine Studie aus dem Jahr 2012 ergab – hier ist die Grenze zwischen Abhängigkeit und Missbrauch fließend. All das hat fatale Folgen: Fast 19.000 Menschen starben nach Angaben der Gesundheitsbehörde CDC im Jahr 2014 an einer Überdosis dieser Schmerzmittel – vor allem in ärmeren, ländlichen und weißen Gebieten der USA, weitere 10.000 Todesopfer kamen durch Heroin dazu.

Leichter Suchteinstieg

Der Einstieg in die Sucht ist in vielen Fällen ein unbedacht verschriebenes Schmerzmittel, beispielsweise nach einer Weisheitszahn-Operation. Manch einer kommt von dem Wohlfühl-Nebel und dem angstfreien „Alles-egal-Gefühl“, das die Medikamente vermitteln, dann nicht mehr los. In den 1990er-Jahren wurden die starken Schmerzmittel recht freizügig verordnet. Dann setzte ein Schneeballeffekt ein. Immer mehr Menschen, oft in instabilen Lebensverhältnissen, suchten den Wohlfühl-Kick. Ärzte lernen erst seit einigen Jahren, welchen Geist sie da aus der Flasche gelassen hatten.

Für einen Teil der Betroffenen folgt auf die Arzneien dann Heroin, denn die illegale Droge ist oft billiger zu bekommen als die verschreibungspflichtigen Schmerzmittel. Daneben sind noch stärkere, synthetische Opioide ein großes Problem. Manche Süchtige greifen inzwischen sogar zu Mitteln, mit denen sonst Elefanten betäubt werden. Andere Abhängige betreiben Doktor-Hopping, versuchen irgendwie an Rezepte und Pillen zu gelangen – notfalls auch über Familienmitglieder.

Mehr Patientenaufklärung

Mehr Aufklärung für Patienten, mehr Informationen für Ärzte, mehr Monitoring-Programme, mit denen die US-Bundesstaaten die Verschreibungsgeschichte der Patienten elektronisch überwachen können – im Jahr 2016 gab es einige Ansätze im Kampf gegen die Epidemie. Daneben veröffentlichte die nationale Gesundheitsbehörde CDC im Frühjahr strengere Richtlinien zur Verschreibungspraxis: Opioide werden als „gefährlich“ eingestuft, von ihrem Langzeit-Einsatz gegen chronische Schmerzen – abseits von Krebsleiden – wird abgeraten. „Erfreulich war auch, dass über Parteigrenzen hinweg ein Gesetz verabschiedet wurde, das Opioid-Sucht als Krankheit einstuft und sie nicht sofort kriminalisiert“, betont Caleb Alexander.

Der Leiter des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Vivek Murthy, gab in seinem viel beachteten neuen Report zur Sucht in Amerika eine Marschrichtung vor. Derzeit komme nur einer von zehn Süchtigen in Behandlung, kritisiert Murthy. „Wir haben schon Fortschritte gemacht. Jetzt gilt es sicherzustellen, dass Menschen eine Krankenversicherung haben.“