Wo Worte fehlen, spricht der Körper

Gesund / 16.12.2016 • 08:48 Uhr
Primar Georg Weinländer wusste das Publikum zu fesseln. 
Primar Georg Weinländer wusste das Publikum zu fesseln. 

Die Psychosomatische Medizin liefert Erklärungen für oft unerklärbare Phänomene.

Dornbirn. (VN-mm) Wenn Worte eine belastende Situation nicht ausdrücken können, tut es häufig der Körper. Die Folge sind nicht erklärbare Schmerzen, die Betroffene oft jahrelang plagen, ohne dass sie Linderung finden. Auch Primar Georg Weinländer, Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin im Landeskrankenhaus Hohenems, kennt solche Leidensgeschichten. Deshalb sein Appell an die rund 600 MedKonkret-Besucher: „Reagieren Sie frühzeitig auf Schmerzen, denen keine organische Ursache zugrunde liegt.“

Lange Wartezeiten

Somatoforme Schmerzen, so der medizinische Fachbegriff, sind weiterhin im Steigen begriffen. Das belegen zahlreiche europäische Studien, aus denen Georg Weinländer zitierte. In Allgemeinpraxen beispielsweise ist der unerklärbare Schmerz mit gut 20 Prozent das häufigste Symptom. Der Anteil von Krankenhauspatienten, die aufgrund von psychosomatischen Störungen einen Behandlungsbedarf haben, liegt international bei 30 bis 40 Prozent. Allerdings nicht in Vorarlberg, wie Weinländer anmerkte. Hier wird der Prozentsatz mit gerade einmal 0 bis 1 angegeben. Dagegen sprechen jedoch die langen Wartezeiten von bis zu sieben Monaten auf der Abteilung für Psychosomatik, deren Leiter sich aber nicht weiter in diesen Aspekt vertiefen wollte. Georg Weinländer lieferte lieber Erklärungen für ein oft unerklärbares Phänomen.

„Eine Krankheit ist nicht immer nur ein rein körperliches Problem. Es können auch seelische und soziale Belastungen daraus resultieren“, führte er aus und betonte dazu: „Es gibt keine seelische Regung, ohne dass der Körper mitreagiert.“ Dafür wurde der Begriff „Psychosomatisches Simultangeschehen“ geprägt. Funktionelle Störungen treten laut Weinländer meist erst nach Belastungssituationen auf. Und häufig sei ein zeitlicher Zusammenhang mit tief verunsichernden Ereignissen feststellbar, die durch nahestehende Personen verursacht wurden. „Oft fehlt aber die Fähigkeit, solche Ereignisse in Worten auszudrücken“, sagte Weinländer. Dann wird der Konflikt auf die körperliche Ebene gehoben. „Die Körpersprache sagt vieles aus“, bemerkte der Experte.

Der Schmerz selbst entsteht im Gehirn. Es kommt zu einer Stressreaktion und damit verbunden zur Ausschüttung von Stresshormonen, die überall im Körper kreisen und ihn schwächen. Chronische Schmerzen führen unter anderem zu Schlafstörungen, Angst und einer insgesamt verminderten Lebensqualität. Eine besonders schmerzende Erfahrung stellt laut Weinländer die Zurückweisung dar. Auch Gewalterlebnisse können sich später, wenn ähnliche Situationen wieder auftreten, in Schmerzen manifestieren. Und zwar genau dort, wo der körperliche Schmerz schon einmal erlebt wurde. Das Schmerzgedächtnis ist diesbezüglich unerbittlich und zu langes Abwarten deshalb ein Risikofaktor für die Ausprägung chronischer Schmerzen. Auch Unzufriedenheit zählt dazu. So haben etwa Personen, die mit ihrer Arbeit hadern, ein siebenfach erhöhtes Risiko für Rückenschmerzen. Immer gilt es aber in der psychosomatischen Medizin, vor einer Therapie organische Ursachen auszuschließen.

Aktivierung statt Schonung

Die Behandlung selbst sieht neben Psycho- und gegebenenfalls Schmerztherapie auch Aktivierung und Bewegung im Wechsel mit Entspannung vor. Bei Letzteren handelt es sich um Ressourcen, die uns auch im Alltag gesund erhalten können. „Sich selbst annehmen, in Kontakt mit Freunden bleiben, aktiv sein, sich nicht aufgeben, Neues lernen und darüber reden“, listete Georg Weinländer als weitere Empfehlungen auf. Zum Schluss gab er den Besuchern noch einen Rat von Albert Einstein mit auf den Weg, der weiland meinte: „Wenn man aufhört zu lernen, beginnt man zu sterben.“

Der enorme Besucherandrang zur Veranstaltung, die in einer Halle der Dornbirner Messe stattfand, erstaunte sogar Primar Georg Weinländer. Wie die Wortmeldungen aber zeigten, ist die Betroffenheit groß. Fotos: Vn/hartinger
Der enorme Besucherandrang zur Veranstaltung, die in einer Halle der Dornbirner Messe stattfand, erstaunte sogar Primar Georg Weinländer. Wie die Wortmeldungen aber zeigten, ist die Betroffenheit groß. Fotos: Vn/hartinger