Eine bagatellisierte Krankheit

Gesund / 02.12.2016 • 11:29 Uhr
Bei der Diagnose eines möglichen Eisenmangels spielt die Arbeit im Labor eine entscheidende Rolle.
Bei der Diagnose eines möglichen Eisenmangels spielt die Arbeit im Labor eine entscheidende Rolle.

Eisenmangel ist der weltweit häufigste Mangel. Hohe Betroffenheit bei den Frauen.

Dornbirn. (VN-mm) Eine Bagatelle? Mitnichten. „Trotzdem wird Eisenmangel sehr oft noch als solche betrachtet“, weiß Jürgen Lenz, Internist in Dornbirn. Er hat sich mit seiner Praxis auf diese Problematik spezialisiert und ist in diesem Zusammenhang auch um Information bemüht. Das aus gutem Grund. Denn: „Wird Eisenmangel frühzeitig behandelt, lässt sich die schwere Form der Eisenmangelanämie vermeiden.“ Zunehmend erste Wahl bei Therapien sind heutzutage Infusionen. Tabletten sind bei chronischen Erkrankungen meist unwirksam, bei unkompliziertem Eisenmangel führt die Einnahme oft zu unangenehmen Nebenwirkungen, zu denen vor allem Magenschmerzen und die Verstopfung zählen. Trotzdem will laut Lenz auch eine Infusion genau überlegt sein.

Vielfältige Symptome

Die Dimension des Problems lässt sich daran ablesen, dass Eisenmangel insgesamt der häufigste Mangel ist. Allein in der westlichen Welt sind 20 bis 30 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter davon betroffen. Als größter „Eisenräuber“ gilt die Menstruation. Aber auch häufiges und starkes Schwitzen sorgt für Eisenverlust. Im Alter können Krankheiten den Eisenspiegel zwar hochhalten, verschleiern damit jedoch einen häufig vorhandenen Mangel. Zu diesen Erkrankungen zählen chronische Herzschwäche, Krebs, Nieren- bzw. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen.

Die Symptome, die auf einen Eisenmangel schließen lassen, sind vielfältig. „Müdigkeit, Konzentrations- und Motivationsstörungen bis hin zu Depressionen, Haarausfall, brüchige Nägel, Nackenschmerzen“, listet Jürgen Lenz, der das einzige Eisenzentrum im Land betreibt, auf. Und obwohl Eisenmangel gut zu therapieren ist, wird er seiner Ansicht nach immer noch zu wenig behandelt. „Die Krankheit muss ernst genommen werden“, lautet sein Appell. Auch, weil viele Antidepressiva nach einer Behandlung abgesetzt werden können, wie seine Erfahrungen zeigen. „Eisen hilft dabei, Glückshormone aufzubauen“, erklärt Lenz den Grund. Die Leistungsfähigkeit der Muskeln hängt ebenfalls zu einem Gutteil vom Eisenhaushalt ab. „Wichtig ist aber, den Eisenmangel zu erkennen“, nennt der Internist die erste Voraussetzung für eine Behandlung.

Medikamentöse Therapie

Die Medizin kennt drei Stufen des Eisenmangels: den Speichereisenmangel, die eisendefizitäre Erythropoese (funktioneller Eisenmangel) und die Eisenmangelanämie. Eine Diagnose ist in jedem Fall durch ein ausführliches Gespräch in Kombination mit speziellen Blutbefunden zu stellen, wobei unspezifische Symptome schon im ersten Stadium auftreten können. Auch sollte die Ursache des Eisenmangels immer sorgfältig abgeklärt werden. Um weitere gesundheitliche Probleme zu verhindern, sollte jetzt eingegriffen werden. Von Ernährungsempfehlungen hält Jürgen Lenz nicht allzu viel, da sie schwierig umzusetzen sind. „Gerade bei Vegetariern und Veganern“, merkt er an. Schließlich ist Fleisch der Eisenträger Nummer eins. Zwar enthalten auch Gemüse und Kräuter (etwa Petersilie) gutes Eisen. Der Körper kann es jedoch nur bedingt verarbeiten. Besser schlägt eine medikamentöse Therapie mittels Infusionen an. Früher waren Infusionen ebenso wie Tabletten äußerst unverträglich. Zu den größten Problemen zählten allergische Schocks. Die gibt es laut Lenz inzwischen kaum noch: „95 Prozent der Infusionen sind ohne Nebenwirkungen.“ Dennoch müsse jede Infusion genau überlegt sein. Praxen mit diesem Schwerpunkt müssen zudem für den Notfall ausgerüstet sein.

Um eine schnelle Blutbildung anzuregen wird bei einer Eisenmangelanämie die Infusion entsprechend hoch dosiert. Bei einem Speicher­eisenmangel ist die Dosis niedriger. Für einen nachhaltigen Erfolg reichen meist zwei bis drei Behandlungen. Sechs Wochen nach Abschluss wird der Eisenstatus erhoben, eine weitere Kontrolle erfolgt nach drei bis sechs Monaten. Oft genügen ein bis zwei Infusionen im Jahr. Manchmal braucht es nach der ersten Therapie gar keine mehr. „Die Effizienz von Infusionen ist belegt“, betont Jürgen Lenz. Die Sozialversicherungen bezahlen jedoch nur, wenn der Patient die Tabletten nicht verträgt.

Es gibt aber auch ein Zuviel an Eisen im Körper. Das ist genetisch bedingt, aber genauso ungünstig. In solchen Fällen wird das Eisen durch Blutentnahmen abgebaut. Ohne diese Maßnahme kann es zu Leber- und Herzschäden kommen.