Wenn Worte hängen bleiben

Gesund / 21.10.2016 • 10:04 Uhr
Auch im freien Spiel fällt es Kindern leichter, sich sprachlich auszudrücken.  Foto: apa
Auch im freien Spiel fällt es Kindern leichter, sich sprachlich auszudrücken. Foto: apa

Welttag des Stotterns. Dem Kind die nötige Zeit für Sprech- und Erzählfreude geben.

Bregenz. Heute, Samstag, steht eine der bekanntesten Sprechstörungen im Fokus. Der Welttag des Stotterns soll vor allem eines, nämlich Tabus abbauen. Denn haben Sie gewusst, dass Bruce Willis oder Rowan Atkinson alias Mr. Bean stottern?

Das Sprechen erfordert ein abgestimmtes Zusammenspiel von Atmung, Stimme und Sprechbewegungen. Beim Stottern wird der Redefluss unterbrochen, Kinder wie Erwachsene verlieren die Kontrolle über das Sprechen. Zur Therapie dieser Beeinträchtigung sind eine ganzheitliche Betreuung und die Zusammenarbeit verschiedenster Fachpersonen wichtig. Die Kinderdienste der aks gesundheit etwa arbeiten eng im Team mit Logopäden und Psychologen zusammen. „Bei der logopädischen Untersuchung des Kindes beziehen wir die Eltern mit ein. Gegebenenfalls erstellen wir einen Behandlungsplan. Je nach Bedarf fließen logopädische und psychologische Therapiebausteine ein“, erklärt aks-Psychologin Ulrike Gsteu-Mäser.

Kein Erziehungsfehler

Im Alter von zwei bis fünf Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, zu sprechen. Sie lernen neue Laute und grammatikalische Regeln. „Es ist ganz normal, dass es zu sogenannten Unflüssigkeiten des Sprechens kommt. Oft werden Laute, Wörter und Satzteile wiederholt. In der Regel verschwindet das von selbst wieder“, informiert Logopädin Karoline Fritz. Fünf Prozent aller Kinder entwickeln jedoch chronische Stottersymptome. Begleitend dazu kann es zum Mitbewegen von Körperteilen oder dem Vermeiden des Blickkontaktes kommen.

Im Erwachsenenalter betrifft chronisches Stottern rund ein Prozent der Bevölkerung. Die Ursachen für diese Sprechstörung sind bis heute nicht eindeutig ergründet. Forscher sind sich jedoch einig, dass mehrere Faktoren zusammenkommen. Sie gehen davon aus, dass es sich um eine organische, neuronale Störung handelt. Das Steuern der Sprache im Gehirn funktioniert nicht optimal. Stottern kann familiär gehäuft auftreten. Es wird nicht genetisch vererbt, aber die Veranlagung einer Sprachschwäche kann weitergegeben werden. Sprechstörungen sind nicht auf Erziehungsfehler zurückzuführen. Dennoch fördern Stress, Ängste oder Druck eine erhöhte Anspannung und begünstigen oder verstärken das Stottern.

Therapieformen

In der Stottertherapie gibt es eine direkte und indirekte Herangehensweise. Logopäden setzen bei der indirekten Therapie nicht an den Sprechmustern, sondern den beeinflussenden Faktoren an. Die direkte Therapie arbeitet hingegen am Redefluss oder den Symptomen. Die Modifikationstherapie wendet Sprechtechniken während der Stottersituation an. Das „Fluency shaping“ verbessert den Redefluss durch dauerhaft angewendete Sprechtechniken. Frühe Hilfestellungen verbessern die Chancen einer Rückbildung. Je kürzer das Stottern besteht, umso weniger stark verfestigen sich Leidensdruck und negative Erfahrungen. Auch psychische Faktoren haben einen großen Einfluss bei der Entwicklung des Stotterns. Daher spielt dieser Bereich bei der Behandlung ebenfalls eine bedeutende Rolle. „Es ist wichtig, das Kind in seinem Kommunikationsverhalten und Selbstvertrauen zu stärken. Das Erlernen von Entspannungsmethoden hilft Ängste und Spannungen zu lösen“, betont Ulrike Gsteu-Mäser. Spieltherapeutische Methoden bearbeiten Gefühle von Hilflosigkeit, Scham und Wut. Im Rollenspiel lernt das Kind beispielsweise, negativen Reaktionen aus dem sozialen Umfeld selbstsicherer zu begegnen.

Offenheit und Zuhören

Eltern sind häufig sehr unsicher, wenn ihr Kind nicht flüssig spricht. Sie wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Es ist wichtig, mit dem Kind zu reden. So wirkt man dem Eindruck, Stottern sei etwas Schlimmes, entgegen. Bei einem gestotterten Wort könnte man sagen: „Das war aber ein schwieriges Wort“, oder „Dieses Wort ist einfach hängen geblieben.“ Teilen Sie als Eltern die eigenen Verunsicherungen und Gefühle mit. Diese Offenheit ermutigt das Kind, auch seine Empfindungen und Belastungen auszudrücken. In einer Wohlfühlatmosphäre erzählen Kinder gerne und ungestört.

Dies stärkt ihre Sprech- und Erzählfreude. „Unterbrechen Sie das Kind beim Sprechen nicht, lassen Sie es ausreden und halten sie dabei den Blickkontakt. Vielen Eltern fällt es nämlich schwer, ihrem stotternden Kind ruhig und gelassen zuzuhören. Am besten ist es, man konzentriert sich auf den Inhalt, darauf was das Kind sagen möchte und nicht, wie es das macht“, ermuntert Logopädin Karoline Fritz zu entsprechendem Engagement.