Die unheimliche Macht der Kränkung
Kränkungen und dauernde seelische Verletzungen können auch körperlich zusetzen.
Wolfurt. „Die Kritik der anderen hat mich so stark getroffen, weil sie meinen eigenen Zweifeln entsprach“, gab Max Schmeling zu Lebzeiten zu. Man kann Boxweltmeister im Schwergewicht sein, also äußerlich stark wie ein Baum und trotzdem extrem verletzbar sein. Kränkungen, Geringschätzung und Demütigungen sind besonders dann sehr verletzend, wenn sie unseren „wunden Punkt“ treffen.
Wenn Menschen sich sehr oft gekränkt und zurückgewiesen fühlen, kann das zu psychosomatischen Beschwerden bis hin zu Verbitterungsstörungen führen. Was kränkt Menschen am meisten? Warum sind manche empfindlicher als andere und warum können viele „austeilen“, aber nicht „einstecken“? Wovon hängt es ab, ob wir uns gekränkt fühlen und beleidigt sind?
Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf eine Handlung, eine verbale Äußerung. „Es kommt auf die Situation und den Menschen an, der uns kränkt“, sagt Doris Jäger, Leiterin einer Naturheilpraxis in Wolfurt und Lehrcoach an der Asgodom-Coach-Akademie in München. Weitere Faktoren sind Ort und Zeitpunkt des Geschehens, die momentane körperliche und seelische Verfassung, aber auch Erfahrungen in ähnlichen Situationen. Am meisten wird man durch Kritik gekränkt, weil sie das Selbstwertgefühl angreift. Jäger: „Je geringer dieses ist, desto schneller fühlen wir uns angegriffen.“
Doch nicht nur Kritik kränkt, auch Nichtbeachtung, Ignoranz und Ablehnung verletzen und werten ab. „Dieses Gefühl der Verzweiflung durch Nichtgesehenwerden resultiert oft aus der Kindheit“, weiß die Gesundheitspädagogin. „Wer mit Nichtbeachtung bestraft wurde, kennt dieses tiefe Gefühl der Not, nicht gesehen zu werden. Bei Zurückweisung und Ablehnung bekommen wir nicht die Liebe und Anerkennung, die wir brauchen.“
Tagesverfassung
„Wie schön! Wann kommt das Baby?“: Diese Frage einer ahnungslosen Bekannten an ihre Freundin, die gerade mit einigen Kilos zu viel auf den Rippen kämpft, kann an einem Tag gut gehen, an einem anderen ins Auge. Je nach Tagesverfassung verarbeiten Menschen Kränkungen besser oder schlechter. Ist man in einer guten körperlichen und seelischen Verfassung, ist man selbstsicherer, und fremde Meinungen sind nicht so wichtig. Frisch verliebte Menschen etwa haben eine emotionale „Teflonschicht“ um sich herum. Sie fühlen sich großartig und niemand kann ihnen etwas anhaben. Auf der anderen Seite besitzt jeder sogenannte „rote Knöpfe“, die explosionsartig zünden können. „Sie haben mit seelischen Wunden zu tun, die noch nicht ganz verheilt sind“, erklärt Doris Jäger. „Auch zu hohe Erwartungen tragen zu Enttäuschungen bei, wenn sie nicht eintreten.“ Manche Menschen poltern wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, schrumpfen aber auf „Mimosengröße“, wenn man kontert. „Manchmal stecken destruktive Gefühle wie Neid und Eifersucht dahinter. Man verträgt keine Augenhöhe, möchte Macht walten lassen, um den anderen klein zu halten und selber groß zu wirken. Deshalb teilt man lieber aus, um sich selbst zu schützen“, erklärt die Naturheiltherapeutin und ergänzt: „Dahinter steckt ebenfalls ein geringes Selbstwertgefühl.“
Grenzen aufzeigen
Gefallen lassen muss man sich das nicht. Sobald die eigenen Bedürfnisse beschnitten oder einem abgesprochen werden, sobald sich ein unangenehmes Körpergefühl bemerkbar macht ist das ein Zeichen, Grenzen aufzuzeigen. Nein sagen ist schwer. „Doch wenn ich mich umgekehrt frage: ,Was sind das für Leute, die es schaffen, dass ich Ja sage, obwohl ich Nein meine?‘, bekommt das Ganze eine andere Dynamik“, sagt die Therapeutin. Hat man erst das Muster der Schmeichler, Erpresser und Unter-Druck-Setzer erkannt, kann man sie rechtzeitig stoppen. Nein zu sagen heißt, aus der Komfortzone herauszukommen, die eigenen Wünsche zu äußern.
Doris Jäger merkt dazu noch an: „Oft hat man Angst, die anderen würden rebellieren. Das tun sie auch. Denn sie sind das neue Verhalten nicht gewohnt, werden es aber.“ Nein sagen kann man außerdem üben. Und mit jedem Nein, das ausgesprochen wird, steigt auch das Selbstwertgefühl.
Seminar / Workshop
» Konstruktiver und humorvoller Umgang mit Kränkungen
» Wie verbale Attacken keine blauen Flecken auf der Seele hinterlassen
» Samstag, 27. Mai 2017, von 10 bis 16 Uhr
» Naturheil-und Coachingzentrum Jäger, Frickenescherweg 5, Wolfurt
» Infos: www.nhp-jaeger.at