Prävention kommt vor Kunstgelenk

Gesund / 14.10.2016 • 10:39 Uhr
Christian Bach redete eindrucksvoll der Vorsorge das Wort.
Christian Bach redete eindrucksvoll der Vorsorge das Wort.

Früherkennung und entsprechender Lebensstil können eine Arthrose positiv beeinflussen.

Dornbirn. (VN-mm) Da staunte selbst der weitgereiste Experte. „Auf Fachkongressen herrscht deutlich weniger Interesse als bei MedKonkret“, merkte Primar Christian Bach sichtlich beeindruckt an. Die Zuschauerkulisse war aber auch höchst bemerkenswert. Über 600 Besucher füllten die Halle 14 auf dem Dornbirner Messegelände, um Neues zu den Behandlungsmöglichkeiten bei Gelenksschmerzen zu erfahren. Sie wurden nicht enttäuscht.

Knochen auf Knochen

Und obwohl seine Profession die des Operateurs ist, redete der Leiter der Orthopädie im Landeskrankenhaus Feldkirch vorrangig der Prävention das Wort. „Jedes Gelenk ist im Alter einem gewissen Verschleiß unterworfen“, räumte Bach ein. Allerdings gibt es auch Maßnahmen, die Abnützungen hinauszögern oder mildern, sodass auch mit kleinen Eingriffen das Auslangen gefunden werden kann. Seine Botschaft: „Bei Beschwerden rechtzeitig den Orthopäden aufsuchen, um Frühschäden zu vermeiden.“ Ebenso kann der Lebensstil einen Beitrag zur Vermeidung von schmerzhafter Arthrose leisten.

Betroffen von Arthrose können alle Gelenke sein, am häufigsten macht sich die Abnützung jedoch an Hüfte, Knie und Schulter bemerkbar. Bei ausgeprägter Arthrose ist die dämpfende Knorpelschicht abgenützt, es reibt Knochen auf Knochen, was in der Folge zu Entzündungen oder Gelenksergüssen führt und enorme Schmerzen verursacht. Bei Hüftgelenk kann sich beispielsweise als Vorstufe zur Arthrose durch Reibung ein knochiger Vorsprung bilden. „Wird er rechtzeitig entdeckt, lässt er sich mit einem minimal-invasiven Eingriff abtragen“, unterstrich Christian Bach die Bedeutung der Früherkennung. Beschwerden wie Schmerzen am Beginn der Bewegung, Schmerzen in der Leiste und im Oberschenkelbereich oder Schmerzen nach körperlicher Belastung sollten deshalb abgeklärt werden. Eine schon fortgeschrittene Arthrose ist durch permanenten Schmerz beim Gehen sowie während der Ruhephasen und in der Nacht gekennzeichnet.

Konservative Therapien

Ein besonderer Freund der Arthrose ist Übergewicht. Der Orthopäde betonte den durch viele Studien nachgewiesenen Zusammenhang. Deshalb sei es wichtig, Übergewicht zu vermeiden bzw. abzubauen. Auch Bewegung, sportliche Aktivitäten und die Erhaltung der Beweglichkeit der Gelenke durch Physiotherapie helfen gegen eine allzu frühe Gelenksabnutzung. Wird Arthrose im Frühstadium diagnostiziert, kommt zuerst die konservative Behandlung. Sie besteht aus Schmerzmedikamenten, Physiotherapie und Muskelkräftigung. „Doch die besten Übungen helfen nichts, wenn die Konsequenz fehlt“, mahnte Christian Bach die nötige Therapietreue ein. Sein Rat: Sich vom Physiotherapeuten ein Übungsprogramm zusammenstellen zu lassen, das auch zu Hause einfach durchzuführen ist. Als weitere effektive Möglichkeiten der konservativen Therapie nannte er Dehnungsübungen, Massagen sowie Wasser-, Strom- und Ultraschallbehandlungen. Ebenso können dämpfende Einlagen und Schuhsohlen sowie Gehhilfen die Belastung auf die Gelenke reduzieren. Über- und Fehlbelastungen etwa durch einseitiges Heben sollten generell vermieden werden. An gelenksfreundlichen Sportarten listete der Orthopäde das Schwimmen, Wandern, Radfahren, Tanzen und Nordic Walking auf. Gymnastik und Krafttraining schaden auch nicht, wenn sie unter professioneller Anleitung erfolgen.

Künstliche Gelenke sind erst eine Option, wenn alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft sind und die Lebensqualität durch die Arthrose relevant eingeschränkt ist. In Österreich werden jährlich rund 20.000 künstliche Hüftgelenke implantiert. Diese Operation zählt zu den erfolgreichsten überhaupt. Die Patientenzufriedenheit ist mit über 90 Prozent sehr hoch. Eine gute Planung und genaue Anpassung, die durch Computerprogramme erfolgt, sind laut Bach entscheidend. Deshalb sollten solche Eingriffe nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

Knorpelzüchtungen

Anfällig für Arthrosen ist auch das Kniegelenk. Die konservative Behandlung entspricht in etwa jener des Hüftgelenks. Außerdem kann noch mit Gelenksspritzen unterstützt werden. „Sie bauen zwar nicht den Knorpel auf, machen ihn aber geschmeidiger“, erklärte Christian Bach, warum etwa Hyaluronsäure hilfreich sein kann. Auch eine Kniegelenksspiegelung, bei der abgenützte Strukturen entfernt werden, kann den Einsatz eines künstlichen Gelenks hinauszögern und auf Monate bis Jahre eine Besserung bringen. Gleiches gilt für die Begradigung der Beinachse. Ein solcher Eingriff ist jedoch nicht für alle Patienten geeignet. Kleinere Knorpeldefekte können durch Knorpeltransplantationen ausgebessert werden. Inzwischen lassen sich entnommene Knorpelzellen auch schon im Labor vermehren. Nach vier bis sechs Wochen werden sie ins Knie eingebracht, das nach der Einheilungszeit wieder voll belastbar ist.

Auch in der Schulter-, Fuß- und Handchirurgie ist vieles möglich. Vor allem bei der Schulter hat sich einiges getan. „Sowohl die Haltbarkeit der künstlichen Gelenke wie auch die Beweglichkeit konnten deutlich gesteigert werden“, präzisierte Primar Christian Bach.

In dichten Reihen saßen die MedKonkret-Besucher und nahmen interessiert die Ausführungen des Referenten auf. Fotos: vn/paulitsch
In dichten Reihen saßen die MedKonkret-Besucher und nahmen interessiert die Ausführungen des Referenten auf. Fotos: vn/paulitsch