„Gutes Hören ist wie gutes Sehen“

Frühzeitige Abklärung von Hörstörungen ist auch für das soziale Leben wichtig.
Feldkirch. (VN-mm) Kann sich die MedKonkret-Veranstaltung gegen die laufende Fußball-Europameisterschaft behaupten, zumal an diesem Abend auch noch Österreich am Start ist? Die erst im vergangenen Herbst gegründete neue Gesundheitsplattform konnte es. Zum Abschluss der ersten Runde ging es um Hören als Voraussetzung für gesellschaftliche Integration. Ein Thema, das viele betrifft. Und so war der Panoramasaal im Landeskrankenhaus Feldkirch fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Zur Überraschung der Fußballfans im Publikum spielte die Technik die Übertragung der ersten Spielhälfte zwischen Österreich und Ungarn ein. Das Endergebnis wollte dann allerdings niemand mehr hören. Dafür nutzten die Besucher die Gelegenheit, reichlich Fragen an die Referenten zu stellen. Der Abend wurde von Primar Wolfgang Elsäßer, Leiter der HNO-Abteilung im LKH Feldkirch, gemeinsam mit dem Vertreter der Firma Neuroth, Hans Koller, gestaltet.
Hohes Demenzrisiko
Einen bedeutsamen Satz stellte Wolfgang Elsäßer an den Beginn: „Das Gehör ist wichtig für das soziale Leben.“ Eine schwere Hörminderung kann das Risiko etwa für Demenz um das Fünffache erhöhen. Und: Das Ohr schläft auch nicht. Es ist praktisch rund um die Uhr aktiv. Ein gutes Gehör unterstützt den Spracherwerb, ermöglicht Kommunikation und schützt vor Gefahren. Deshalb sollten Hörstörungen frühzeitig abgeklärt werden. „Gutes Hören ist wie gutes Sehen“, betonte Elsäßer und präsentierte eine bildliche Darstellung einer Hörstörung in Form zerbrochener Buchstaben. Hörstörungen können im ganzen Ohr vorkommen. Maßgeblichen Anteil an einem guten Gehör haben die Haarzellen. Sind sie pumperlgesund, stehen sie wie Zinnsoldaten. Im anderen Fall liegen sie brach wie Gras auf einer gemähten Wiese. Dabei sind die Ursachen für Hörstörungen, die in geringradig, mittelgradig und hochgradig eingeteilt werden, höchst unterschiedlich.
Entzündungen, Missbildungen, Ohrschmalz, das sich nicht mehr entfernen lässt, Trommelfelldefekte durch Lärm oder Explosionen, ja sogar Ohrfeigen können das Gehör in Mitleidenschaft ziehen. Die Behandlung erfolgt medikamentös oder operativ. „Ein Loch im Trommelfell muss immer operiert werden“, sagte Primar Elsäßer. Auch Verknöcherungen des Steigbügels, von denen besonders Frauen betroffen sind, benötigen eine chirurgische Hand. Hier kommen etwa winzige Titanprothesen zum Einsatz. „Ein alltäglicher Eingriff an der HNO-Abteilung“, wie deren Leiter anmerkte, aber einer, der bei Größenordnungen von 0,6 x 4,5 Millimeter viel Fingerspitzengefühl erfordert.
Lärmreduzierung
Grundsätzlich nimmt das Gehör ab dem 40. Lebensjahr kontinuierlich ab. Lärm, Medikamente und die Genetik sind verantwortlich dafür. Übel sind auch Hörstürze und Knalltraumen, die vorwiegend zu Silvester vorkommen. Zu laute Musik ist dem Gehör ebenfalls abträglich. „Ein Trompetenstoß aus 50 Zentimetern Entfernung ins Ohr entspricht einer Lärmbelastung von vier Stunden“, verdeutlichte Elsäßer und fügte an: „Die maximale Belastung mit 85 Dezibel liegt bei 40 Stunden pro Woche.“ Schwerhörigkeit vorbeugen lässt sich im Grunde nur mit Lärmreduzierung sowie der regelmäßigen Überprüfung des Hörvermögens.
Operative Möglichkeiten
Lässt das Gehör nach, gibt es Möglichkeiten, dagegenzusteuern. Trotz der hohen Betroffenheit nutzt derzeit aber nur jeder Siebte ein Hörsystem. Inzwischen gibt es auch implantierbare Hörgeräte. Sie sind eine Option, wenn ein herkömmliches Hörgerät nichts mehr bringt. Die Zukunft sind laut Elsäßer vollimplantierbare Hörgeräte. Hier gestalte sich die Operationstechnik aber noch etwas schwierig.
Als bisher größten Erfolg der Medizin bezeichnete er die Cochleaimplantate, die auch taub geborenen Kindern ein Hören ermöglichen. Im Zusammenhang mit dem Tragen von Hörgeräten betonte Hans Koller die Wichtigkeit einer Angewöhnungsphase von sechs Monaten.